Filesharer sind die besseren Fans

Warum es Raubkopien gar nicht gibt, warum wir nicht mehr zur CD zurückkönnen, warum Filesharer mehr Musik kaufen als andere und wie man mit Musik Geld verdient, ohne sie zu verkaufen.

Lasst uns über Musik reden…

Zum Thema Urheberrecht und Raubkopieren ist bereits viel im Netz geschrieben worden – viel Leidenschaftliches, manch Wütendes, wenig Konstruktives. Trotz der Fülle an Artikeln, Meinungen, Offenen Briefen, Pamphleten und Kommentaren habe ich mich dennoch dazu entschlossen, dem Diskurs ein weiteres Mosaiksteinchen hinzuzufügen, da es gewisse Dinge gibt, über die bislang zu wenig geschrieben worden ist (ja, das gibts). Und seien wir ehrlich: Ein Blog ohne einen noch so kleinen Text zu Urheberrecht und Co. macht den Leser ja schon fast misstrauisch.

Zu allererst ist mir eine Eingrenzung wichtig: Nach meiner Beobachtung wird die ganze Debatte nicht nur viel zu schrill, sondern vor allem viel zu breit und mit zu wenig Sachkenntnis geführt. Zeitungsverlage werden mit Musik-Labels und Film-Konzernen gleichgesetzt, es wird ungenau zwischen Urheberrecht, Verwertungsrecht und Copyright unterschieden, Privatkopie, Filesharing und Produktpiraterie wird in einen Topf geworfen. Besonders in einer Hinsicht ist mir Differenzierung wichtig, nämlich bei den verschiedenen Kultur-Bereichen, über die wir reden: Die Debatte um Musik-Downloads – um die es mir hier in erster Linie geht und mit der ich mich am meisten beschäftigt habe – muss anders geführt werden als etwa die über Film-Downloads oder gecrackte Software und Computerspiele. In jedem Fall reden wir über andere Nutzer-Zielgruppen, andere Vertriebswege, einen anderen Kulturbereich, über unterschiedlich komplexe Produktionswege, über verschieden starke Geldflüsse und über andere Machtverhältnisse zwischen Kreativen und Verwertern.

Dazu ein kurzes Beispiel: Wenn die Debatte um kopierte E-Books auf uns zu kommt, können wir gegenüber Schriftstellern nicht mit den gleichen Argumenten arbeiten wie bei Musikern: Für letztere ist der Tonträger in den meisten Fällen nur eine von mehreren Einnahmequellen (Merchandise, Live-Auftritte, Film-, Werbe-Lizenzen), bei Buchautoren fällt das meiste davon schlicht weg, und mit öffentlichen Buch-Lesungen lässt sich nicht annährend so viel erwirtschaften wie mit Konzerten. Also: Versuchen wir die betroffenen Bereiche einzeln zu betrachten, damit jeder von ihnen fair diskutiert werden kann.

Raubkopierer überfallen nachts Musiker

Ich möchte mich hier also mit dem Bereich Musik beschäftigen. Dazu ist es unerlässlich, kurz über den Begriff „Raubkopie“ zu sprechen: Man muss nicht unbedingt darauf verweisen, dass dieses Wort von der Verwerterindustrie erdacht wurde, um zu erkennen, dass es sich hier um einen Kampfbegriff handelt, und zwar um einen sehr effektiven. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als ziemlich paradox – wie kann eine Kopie ein Raub sein, das Original verschwindet doch nicht? Wir sehen also in dieser kriminalisierenden Umdeutung schönstes Neusprech am Werk, in etwa vergleichbar mit dem von mir besonders geliebten Polizei-Sprech-Begriff „Passivbewaffnung“ (damit ist mitnichten eine Waffe gemeint, sondern dicke Kleidung, die sich Demonstranten anziehen, damit sie befürchtete Polizei-Gewalt ohne blaue Flecken überstehen – klingt aber bedrohlich, gell?). Der Fachmann spricht in diesen Fallen übrigens von „Dysphemie“.

Wenn wir über das digitale Kopieren und Tauschen von Musik sprechen wollen, müssen wir eigentlich zu allererst anfangen, einen besseren Begriff dafür zu finden, da die ganze Debatte von vornherein erledigt ist, sobald das Wort Raubkopie fällt. Ein Beispiel, wie das gehen kann, sind die Wahlcomputer: Als man 2006 erstmals in Deutschland sogenannte „Wahlmaschinen“ für das Registrieren und Zählen der Stimmen einsetzen wollte, wies der Chaos Computer Club (CCC) auf die Manipulierbarkeit dieser Geräte hin, die eben keineswegs analoge Maschinen mit einem simplen Mechanismus sondern Computer waren, die man hacken konnte. Dass der CCC den Begriff „Wahlcomputer“ einbrachte, hat viel dazu beigetragen, die Einführung dieser riskanten Technik zu verhindern.

Was sollen wir nun aber mit der Raubkopie machen? Am besten wäre ein griffiger und plausibler Begriff, der sich möglichst nicht in Negation zur Raubkopie setzt, sondern ein eigenständigen Vorgang bezeichnet. Ich muss gestehen, dass mir da auch noch nicht die Erleuchtung gekommen ist, „Tauschkopie“ war noch einer meiner besseren Einfälle. Vorerst halte ich es für am Wichtigsten, dass wir vor allem immer wieder auf unser Recht auf die Privatkopie pochen, welche immer wieder gerne in die Raubkopie-Ecke gedrängt wird. Die Privatkopie ist es nämlich, welche – zumindest der deutschen – Musikindustrie am meisten ein Dorn im Auge ist: Laut dem Jahresbericht von 2009 (Seite 28) des Bundesverbandes der Musikindustrie machte die Privatkopie 2008 rund 90 Prozent des Schadens durch kopierte Musik in Deutschland aus („Privatkopie aus illegalen Quellen“). Mit anderen Worten: Ein Großteil des Musikkopierens und -tauschens fällt unter das Recht auf Privatkopie und ist legal.

So viel also zur Begrifflichkeit. In diesem Text werde ich fürs erste bei den Begriffen „Kopie“, „Download“ und „Tausch“ bleiben.

Technische Realität und angemessene Entlohnung – zwei Prämissen

Aber warum wird überhaupt so heftig über das Kopieren und Tauschen von Songs gestritten? Einfach ausgedrückt: Weil wir es können (also das Kopieren, nicht das Diskutieren). In Verbindung mit dem Internet ermöglicht es die Digitalisierung von Audio, Video, Bild und Text mit einem Klick, den neuesten Hit von Arcade Fire oder Mumford And Sons mal eben quer über den Erdball zu schicken, direkt auf die Festplatte tausender Menschen. Diese beiden Techniken lassen sich nicht rückgängig machen oder verbieten – illegale Downloads sind ja bereits verboten, aber wenn eine so einfache Technik einmal in der Welt ist, wird sie auch benutzt. Die ganze Funktionsweise des Internets basiert auf dem Digitalisieren und Kopieren von Daten – schafft man das eine ab, schafft man das andere mit ab. Die Technik ist vorhanden und wir müssen mit ihr arbeiten – diese Prämisse muss akzeptiert werden, damit realistisch über Musik-Downloads geredet werden kann.

Ebenso unerlässlich ist jedoch eine zweite Prämisse: Kreative – in unserem Beispiel Musiker – sollen von ihrer Arbeit leben können. Kreative Arbeit ist genau das: Arbeit. Sie kostet Zeit, Nerven und viel Einsatz, und kann nicht nur so nebenbei erledigt werden, wenn man es wirklich ernst damit meint. Dabei komplett auf freiwillige Entlohnung zu setzen, ist eher utopisch und kann nur einer von vielen Bausteinen sein: Ohnehin erfolgreiche Bands wie Radiohead oder Nine Inch Nails können es sich leisten, ihren Fans freizustellen, wie viel sie für den Download ihres Albums zahlen wollen (oder gar nicht), für viele andere Musiker ist das nicht praktikabel.

Denn sie wissen nicht, was sie laden

Aber bevor ich auf mögliche Lösungsmodelle eingehe, möchte ich noch kurz dabei bleiben, warum Musik überhaupt kopiert und im Web getauscht wird. Uns allen bekannte Werbespots („Raubkopierer sind Verbrecher“) haben ja relativ erfolglos versucht, an das moralische Ehrgefühl der Downloader und Filesharer zu appellieren. Warum das nicht funktioniert, ist nicht schwer zu verstehen: Die meisten Musik-Downloads gehen auf Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren zurück, viele von ihnen Schüler und Studenten mit meist dünnem Portmonee. Wenn unter den Freunden dann über die gerade angesagte Band oder den neuen Hit geredet wird, einige sich als Fans outen, andere als Kritiker, dann möchte man als Gleichaltriger ganz gerne mitreden. Und so wird beim Download eher daran gedacht, nicht außen vor zu bleiben als sich um den möglichen Verdienst-Ausfall eines Musikers zu sorgen. Entscheidend ist auch das Bequemlichkeitsargument: Solange es einfacher ist, ein Album illegal runterzuladen, als es als CD oder Mp3 zu kaufen, solange werden die Nutzer das „bessere“ Angebot wählen.

All diese Gründe, warum illegal Musik runtergeladen wird, muss man nicht schön finden, aber man muss sie zur Kenntnis nehmen, wenn man verstehen will, warum dieses Runtergelade einfach nicht aufhören will.

Denn sie wissen nicht, was sie verdienen

Aber müssen wir nicht trotz all dem auch mal an die darbende Musikindustrie und die Musiker denken, die keine Alben mehr verkaufen? Ja, das müssen wir, aber erst nachdem wir uns vor Augen gehalten haben, wie die durchschnittliche Verteilung des Verdienstes an einer CD für einen Großteil der Musiker aussieht:

Plattenfirmen („Labels“) 25 %
Vertrieb 22 %
Handel 20 %
Mehrwertsteuer 16%
Künstler 7 %
GEMA 6 %
Herstellung 4 %

 

Quelle: Wikipedia

Hier fände ich übrigens interessant, worin der Unterschied zwischen Vertrieb und Handel besteht. Die 7 Prozent sind dabei wie gesagt ein Durchschnittswert, viele Bands wären froh, wenn sie überhaupt so viel vom Kuchen bekämen. Selbst die erfolgreichsten Künstler können mit maximal 20 bis 25 Prozent rechnen. Bleiben wir bei den 7 Prozent, verdient eine Band pro Album, das für 15 Euro über den Ladentisch geht, etwa einen Euro. Die Musiker würden das Fünffache daran verdienen, wenn man das Album irgendwo runterlädt und dafür per Donate-Button auf der Webseite der Band 5 Euro überweist. Allein von Alben-Verkäufen können selbst relativ erfolgreiche Musiker kaum leben, wichtig sind hier vor allem Merchandise (T-Shirts, Poster, Sticker, Aufnäher, …) und Live-Konzerte.

Man kann nun einwenden, dass die Labels den Künstlern zwar mehr Geld geben sollten, dass die Umsatz-Verluste der Labels aber dennoch schlimm sind, wenn die Prozente der Künstler ohnehin schon so gering sind. Das scheint plausibel, angesichts der Summen, die da im Netz versickern: Eine 2012 vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem G.A.M.E.-Bundesverband veröffentlichte Studie beziffert den Schaden für die Musikindustrie in Deutschland auf 524 Millionen Euro pro Jahr.

Diese Zahlen sind nicht ernst zu nehmen. Sie ergeben sich (neben großzügigen Dunkelziffer-Aufrundungen) daraus, dass jedes runtergeladene Album 1:1 mit einem Album gleichgesetzt wird, das man normalerweise gekauft hätte. Dem ist nicht so. Klar passiert es des Öfteren, dass ein 15-Jähriger mal eben die gesamte Diskographie von Metallica, den Beatles oder Pink Floyd runterlädt; aber wann ist ein 15-jähriger zuletzt losgegangen, und hat sich die Gesamtwerke jener Bands direkt gekauft? In den Köpfen der Label-Chefs scheint das früher ständig passiert zu sein, als es noch kein Internet gab – und bei Preisen von 200 Euro für das Box-Set mit allen Beatles-Studio-Alben kommen schnell ein paar Millionen an Verlust zusammen.

Musik ist mehr als CD’s

Nebenbei sollte man nicht unterschlagen, dass die Labels trotzdem Verluste durch die Downloads haben, dass die Musikindustrie insgesamt gesehen aber immer mehr verdient: Laut Studien des US-amerikanischen Nielson-Institut oder der London School of Economics kann die Branche steigende Gewinne verzeichnen, vor allem durch Konzerte und Musikrechteverwertung im Fernsehen. Und noch ein Bereich darf nicht unerwähnt bleiben: Der Reissue-Markt. Dazu zählen Neuauflagen der Backkataloge erfolgreicher Künstler (zum Beispiel remastert, mit Bonus-Tracks oder neuen Liner Notes versehen), Box-Sets, Gesamtausgaben, Deluxe- und High End-Editions mit DVD’s, hochwertiger Verpackung, Gimmick-Covern, Schals und anderem netten Schnickschnack. Laut dem deutschen Musikmagazin Eclipsed (Ausgabe Februar 2011, S. 45) macht dieser Markt mittlerweile rund 30 Prozent des Gesamtumsatzes der Musikindustrie aus (die Autoren berufen sich unter anderem auf Moritz Trapp, Direktor des Katalog-Marketings bei Universal), denn die Käufer dieser Reissues sind natürlich nicht die 15 bis 25-jährigen Schüler und Studenten ohne festes Einkommen, sondern die 40 bis 60-jährigen Mittelständler, die die Bands ihrer Jugend weiterhin lieben und gerne noch mal deren komplettes Werk als Deluxe-Edition kaufen. Auch der Bundesverband der Musikindustrie bestätigt das: Im Bericht über das Jahr 2011 heißt es: „Die mit 4 Prozent relativ kleine Gruppe der Intensivkäufer in Deutschland, die mehr als neun Musikkäufe pro Jahr tätigen, sorgt für 36 Prozent aller Umsätze im Musikmarkt. Bei diesen Intensivkäufern handelt es sich größtenteils um Männer über 40 Jahre, die ihre Musiksammlung leidenschaftlich pflegen.“

Die Musikindustrie hat natürlich längst erkannt, was sie an an dieser Käuferschicht hat, weshalb Remaster und Jubiläumsausgaben in immer kürzeren Abständen auf den Markt geworfen werden: Musste man in den 80er und 90er Jahren noch ewig darauf warten, dass selbst die größten Meisterwerke der 60er endlich mal in einer vernünftigen CD-Version rausgebracht wurden, wird Interpols 2002 veröffentlichtes Erfolgsalbum „Turn On The Bright Lights“ bereits im November 2012 als „10th Anniversary“-Box neu rausgebracht. Solche Deluxe-Editions haben für Labels – ähnlich wie Schallplatten – den Vorteil, dass man sie erst gar nicht kopieren kann, zumindest was das ganze Drumherum betrifft – und um das geht es den Reissue-Käufern ja. Darin könnte ein möglicher Baustein für zukünftige Vertriebsmodelle von Musik bestehen, den ich in dieser Form übrigens zuerst von meinem Freund Bertolt gehört habe: Das Album – als Mp3’s in normaler, nicht hoher Qualität, ohne Booklet – wird von den Künstlern auf ihrer Webseite kostenlos oder mit frei wählbarem Preis bereitgestellt, und fungiert quasi als Werbung dafür, Konzerte zu besuchen oder Merchandise zu kaufen. Gleichzeitig bietet die Band das Album aber auch noch in einer hochwertigen Version als CD mit Booklet und Bonustracks an, denkbar sind auch mehrere Versionen von der einfachen bis zur limitierten und durch nummerierten Super-Deluxe-Version mit DVD’s, Schallplatten und Autogrammen (ähnlich hatte es Radiohead ja auch bei „In Rainbows“ gemacht).

Der Satz, dass das Album als Werbung fungiert, gibt einem natürlich erst mal einen Stich ins Herz. Fakt ist aber, dass dies eine elementare Funktion von Alben ist. So manches Album, dass ich als Privatkopie von Freunden erhalten habe – und ich mir von alleine nie gekauft hätte – hat mich erst auf Bands aufmerksam gemacht, deren Alben ich später tatsächlich gekauft und deren Konzerte ich besucht habe.

Und das Downloader gar keine Alben mehr kaufen, stimmt ja so auch nicht: Echte Fans und Musikbegeisterte geben selbstverständlich Geld für ihre Bands aus – aber sie laden auch mehr runter. Der echte Fan will halt mehr. Eine Äußerung von Claudia Lux, Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, verdeutlicht dieses Prinzip: „Für Bücher gilt, dass ein Bibliotheksbesucher gegenüber einem Nichtbesucher achtmal mehr Bücher kauft. Ich bin sicher, dass das bei Videospielen nicht anders ist.“ Dass dies keine reine Spekulation ist, beweist nun sogar eine Studie, laut der Filesharer im Durchschnitt 30 Prozent mehr kaufen als Nichtfilesharer.

Zu guter Letzt bleibt gerade Musikenthusiasten manchmal kaum etwas anderes übrig als der illegale Download, weil gerade Alben speziellerer und älterer Künstler entweder komplett vergriffen sind oder gebraucht 30 bis 50 Euro kosten (zu dem Thema hatte ich vor kurzem einen Artikel im Tagesspiegel verfasst, der eine Antwort auf diesen Artikel war).

GEMA, Kulturflatrate, Kulturwertmark, flattr – wie geht’s weiter?

Die Kopie ist also nicht nur Teufelszeug, aber können Künstler trotz bzw. dank ihr trotzdem genug verdienen? Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man auf den Fakt der technischen Unumkehrbarkeit der Digitalisierung und des Tauschens reagieren kann. Eine wurde bereits umgesetzt und heißt GEMA, welche – das sollte man nicht vergessen – selbst von ihren schärfsten Kritikern nie grundsätzlich in Frage gestellt wird. Tatsächlich ist die GEMA eine gute Idee, die in der Umsetzung zahlreiche Mängel aufweist: Der Verteilungsschlüssel begünstigt  einseitig bereits erfolgreiche oder subventionierte Künstler, es ist unklar, wie viel der Einnahmen vom GEMA-Apparat selbst geschluckt werden, ein Großteil der Mitglieder verliert fast alle Rechte an ihren Werke, haben in der GEMA aber keinerlei Mitspracherecht, usw. … Wenn diese Behörde mal mit dem titanenem Besen reformiert wird, könnte der Klang des Wortes „GEMA“ irgendwann mal mit einem ganz angenehmen Gefühl verbunden sein.

Das groß diskutierte Modell ist die Kulturflatrate: Jeder Besitzer eines Internetzuganges zahlt einen Pauschalbetrag, der dann ähnlich wie bei der GEMA (na ja, nicht ZU ähnlich versteht sich) über einen Verteilungsschlüssel auf die Musiker ausgezahlt wird. Die Höhe des Betrages errechnet sich dann aus der Beliebtheit (z.B. den Download-Zahlen). Halte ich trotz aller Mängel, die auch dieses System hat, immer noch für eine gute Idee – auch, weil sie einen echt schönen Namen hat (da kann „Kulturwertmark“ einfach nicht mithalten – so sehr ich den CCC und seine Ideen schätze, aber ich fürchte, dieses Modell könnte schlicht an seinem Namen scheitern).

Aber bevor ich über den Namen herziehe: Was ist die Kulturwertmark eigentlich? Ich muss gestehen, dass mir nicht sicher bin, ob ich das Modell richtig verstehe. Das muss nicht heißen, dass es ein schlechtes Modell ist, aber zumindest die offizielle Erklärung kommt mir zu bürokratisch daher (etwas einfacher hatte Maha die Kulturwertmark mal bei der 179. Chaosradio-Ausgabe bei 1.09 min erklärt). Die Idee sei es, dass nicht irgendeine Behörde sondern die Nutzer selber entscheiden, wer wieviel bekommt – „Flattr im großen Stil“ hat Maha es genannt. Jeder Internetnutzer bekommt pro Monat ein gewisses Kontingent an KWM und kann diese quasi wie „Likes“ auf den Internetseiten der Künstler verteilen. Diese KWM’s werden dann am Ende des Monats in bare Münze umgerechnet. Soweit ich es verstanden habe, ist die KWM also so etwas wie die Kulturflatrate, die aber einen behördlich definierten Verteilungsschlüssel umgeht. Wie gesagt: Klingt gut, aber ich kann’s mir noch nicht so ganz vorstellen.

Flattr erfreut sich in Deutschland schönerweise ja schon einer größeren Beliebtheit, und tatsächlich hat sich das Micropayment-System im Bereich Blogs und Podcasts schon bewährt (übrigens: Auch auf diesem Blog gibt es einen flattr-Button ;). Klar, kaum einer kann wirklich davon leben, aber mit etwas mehr Benutzerzahlen könnte flattr für manche Künstler zumindest einen Teil ihrer Einnahmen sichern. Funktionieren tut es so: Auf das flattr-Konto wird monatlich ein Betrag eingezahlt, der dann je nachdem, wie viele flattr-Buttons man im Monat angeklickt hat, gleichmäßig auf diese Klicks verteilt wird (eine etwas schönere Erklärung findet ihr hier als kurzes Video). Noch mutet Flattr eher unscheinbar an, aber nach oben hin ist noch viel Luft vorhanden. Wenn man beispielsweise Youtube-Videos flattrn könnte oder man sein Facebook-Like mit einem flattr-Klick koppeln könnte – dann sähe die Geschichte schon anders aus.

Die Zukunft des Musikvertriebes ist also nicht alternativlos, und vielleicht ist es auch falsch, nach dem einen großen Modell zu suchen, das alle Probleme löst. Vielleicht brauchen wir eine Kombination verschiedener Ansätze in verschiedenen Bereichen.

Über Kommentare, Anregungen und Kritik würde ich mich sehr freuen. Ich habe auch nichts gegen saftige Beleidigungen, so lange alle Kraftausdrücke und Nazi-Vergleiche durch „Mimimimimi!“ ersetzt werden.

Nachtrag:

Ein hochinteressanter Artikel der Süddeutschen berichtet von einer Studie, laut der seit der Schließung von Megaupload der Umsatz der Filmindustrie zurückgegangen sei (danke, Bertolt). Ein paar Zitate:

„Die Studie unterstütze damit die Theorie, dass „Filesharing als Mechanismus wirkt, der Informationen über eine Ware von Konsumenten mit niedriger Zahlungsbereitschaft an Konsumenten mit hoher Zahlungsbereitschaft weitergibt“, heißt es in der Zusammenfassung des Textes. „Der Effekt der Informationsweitergabe durch illegale Downloads scheint für Filme mit kleinerem Zielpublikum besonders wichtig zu sein.““

„So fand im August der Wirtschaftsprofessor Robert Hammond von der North Carolina State University heraus, dass es sich positiv auf die Absatzzahlen auswirken kann, wenn bereits vor der Veröffentlichung „geleakte“ Musikalben als illegale Downloads im Netz verfügbar waren. Hammond schränkte aber ein, dass dieses Ergebnis lediglich für die Künstler, nicht aber automatisch auch für die Musikindustrie als Wirtschaftszweig gelte.“

Eine Umfrage der New Yorker Columbia University ergab im Oktober, dass aktive Tauschbörsenteilnehmer in Deutschland und den USA auch deutlich mehr Geld für Musik ausgeben als Nutzer, die sich nicht daran beteiligen.“

Zum Weiterlesen und -hören:

– Die Geschichte der Musikindustrie als Comicstrip auf Oatmeal

– Das sehr schöne und geradezu identitätsstiftende Buch „Nerd Attack!“ von Christain Stöcker (besonders Kapitel 9 und 10)

– Blogpost „Mein Plattenladen heißt Herunterladen“ von Dietrich Brüggemann

– Podcast CRE 97 „Print- und Filesharing“ von Tim Pritlove

– Podcast CRE 164 „Urheberrecht“ von Tim Pritlove

8 thoughts on “Filesharer sind die besseren Fans

  1. Interessanter Artikel.
    Das die großen Plattenlabels bei den vorhandenen Geldverteilungsstrukturen noch nicht stärker eingestampft wurden kann ich sowieso nicht verstehen. Systematische Ausbeute gerechtfertigt durch größere Vertriebsstrukturen und Marketingmöglichkeiten gibt es allerding auch in anderen Bereichen (Film).

    Schön wäre natürlich, wenn mehr kleine Musiker mit Geld ausgestattet wären um ihre Musik in kleiner Auflage selber zu produzieren und zu vertreiben. Im privatwirtschlaftlichen System wird das aller wahrscheinlich nicht funktionieren, da eventuelle Musiker-Micro-Kredite durch hohe Ausfallrisiken mit hohen Zinsen bestraft werden die sich kein Arbeiter der „Brotlosen Kunst“ leisten kann. Es kommt also nur eine staatliche Förderung wie im Bereich der Filmwirtschaft in Frage. Zum Beispiel das Medienboard in Berlin-Brandenburg, das schon seit 2004 Projekte fördert. Musik und Film sind für mich Bereiche mit ähnlichen Strukturproblemen. Die Gründung eines Musikerboard also längst überfällig. Naja ab 2013 gehts ja nun langsam los: http://www.berlin.de/rbmskzl/musicboard/

    • Danke für den Hinweis mit dem Musikboard! Das ist in der Tat ein interessanter Plan – vielleicht aber nur ein Trick, um noch mehr Kreative in die Stadt zu locken. Man wird sehen.

      Einige Dinge im Text gelten mit Sicherheit auch für die Filmbranche, aber da fehlt mir wie gesagt die Expertise.

  2. sollten nicht musische werke allgemein frei zugänglich sein und damit dem eigentlichen bedürfnis des künstlers nachkommen? wir reden hier zu oft von dem geschäftszweig und finanziellen gewinnen ( welche der „falsche“ künstler oder entsprechende beteiligte anstreben ), statt von der möglichkeit sich einfach mitzuteilen und auszu“tauschen“…aber hey…ich muss ja auch für meine telefonflatrate zahlen^^!
    was passiert eigentlich mit der heruntergeladenen musik beim donate-button? free to give away again?!

    • Was das „eigentliche“ Bedürfnis des Künstlers ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten… Klar wollen Musiker gerne ein größeres Publikum haben und weiter verbreitet sein, aber wenn keiner von denen seine Miete für den Proberaum bezahlt, wirds natürlich schwierig. Wie schon gesagt: Kunst ist echt Arbeit, und die sollte nicht nur honoriert werden, um das Überleben des Künstlers zu sichern, sondern auch als eine Form der Anerkennung, dass einem die Musik auch was wert ist.

      Wenn man bei meinem kurzen Gedanken-Spiel mit dem Donate-Button bleibt, dann: Klar, du hast die Musik runtergeladen, also kannst du sie auch weitertauschen, das passiert so oder so.

      Ich lese übrigens gerade in der CHIP was von „ReDigi“, einer Firma, bei der man gekaufte Mp3’s von Amazon oder iTunes weiterverkaufen kann, zum halben Preis (so wie gebrauchte CD’s quasi). Man muss nur nachweisen, dass man die Mp3 nach dem Verkauf auch wieder löscht, aber wer will das nachweisen?

      EMI klagt derzeit dagegen, allerdings hat der EuGH bereits entschieden, dass man gebrauchte Software so weiterverkaufen darf.

      http://derstandard.at/1345164728503/ReDigi-verkauft-gebrauchte-Downloads-Musikbranche-klagt

  3. Pingback: Mehrsprech – Wörter als Werkzeuge | Elfenbeinbungalow

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