Fantasy für Feiglinge und Gefangene

Fantasyboom erikwenk

Warum wir Fantasy der Science Fiction vorziehen, wieso unsere heutige Zeit mit den 80ern vergleichbar ist und weshalb wir die Hoffnung auf Technik aufgegeben haben.

Ich hab da so ’ne Theorie: Die gegenwärtige Popularität von Fantasy ist ein Symptom für die Angst vor der Zukunft. Das mag erst einmal etwas pathetisch klingen, aber ich kann es durchaus begründen. Inspiriert wurde ich zu diesem Blogpost übrigens von dem Film „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“, den ich vor kurzem gesehen habe und der mir noch einmal vor Augen geführt hat, welchen Stellenwert Fantasy heutzutage hat.

Zunächst mal ist Fantasy nicht erst seit kurzem sondern seit rund zehn Jahren angesagt. Als Hauptursache – was nicht ganz falsch ist – wird meist der Beginn der „Herr der Ringe“-Verfilmungen im Jahr 2001 genannt, aber es fing schon früher an. Die für mich prägende Erfahrung, durch die ich die klassische Fantasy mit all ihren Klischees lieb gewonnen habe, waren Computerspiele. Fantasy hat Computerspiele seit ihren frühesten Anfängen begleitet: Mitte der 70er hatte nicht nur Tolkien Hochkonjunktur, auch Pen & Paper-Rollenspiele wurden immer populärer. Kein Wunder, dass die von Studenten an Universitätsgroßrechnern erstellten Spiele oft Fantasy-Rollenspiele etwa nach dem Vorbild von Dungeons & Dragons waren (zu den frühesten zählen dnd (1974), Adventure (1976) und Zork (1977)). Vor allem in den 80ern wimmelte es vor Fantasy-Spielen: Ultima (1980), Wizardy (1981), The Bard’s Tale (1985), Legend Of Zelda (1986), Final Fantasy (1987), Pool Of Radiance (1988), uvm.

Anfang der 90er Jahren hingegen waren Fantasy-Rollenspiele ziemlich tot, doch Baldur’s Gate von 1998 löste eine bis heute andauernde Renaissance dieses Genres aus: Es folgte Baldurs Gate II von 2000 (das mich am meisten prägte), die Icewind Dale-Reihe (2000), die Diablo II (2000), die Gothic-Reihe (2001), Neverwinter Nights (2002),  die Dungeon Siege-Reihe (2003), Morrowind (2002) und Oblivion (2006) aus der Elder Scrolls-Reihe, der gefeierte dritte Teil von Warcraft III (2002) und das nicht minder gefeierte World of Warcraft (2004). Mindestens letzter Titel dürfte auch einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff sein.

Fantasy-Literatur am Fließband

Weitaus stärker beachtet als die virtuelle Fantasy wurde jedoch eine Buchreihe, die 1997 startete: Harry Potter. Dass Fantasy in ja ohnehin eskapistischen Computerspielen für picklige Nerds eine immer größere Rolle spielte, stieß außerhalb der Spieler-Szene auf wenig Interesse, doch als Fantasy auf einem kulturell ernstzunehmenden Gebiet wie der Literazur einschlug, gab dies Anlass zu Stirnrunzeln. Nicht wenige prophezeiten ein Abklingen des Hypes, wenn die Buchreihe um den Zauberlehrling irgendwann zu Ende sei. Es kam nicht so, stattdessen kamen erst mal ein paar sehr erfolgreiche Verfilmungen (die erste im Jahr 2001) sowie Tintenherz (2003) von Cornelia Funke (verfilmt 2008), Eragon von 2004 (verfilmt 2006), die Verfilmung (2005) des Kinderbuchklassikers „Die Chroniken von Narnia“ (1950), die Verfilmung (2008) von „Krabat“ (1971). Bereits 1999 gestartet und in Folge ebenfalls sehr erfolgreich war der Zamonienzyklus von Walter Moers. Ach ja, und natürlich gab es etliche Wiederauflagen und Neuausgaben des Autors, der an all dem „schuld“ war: J.R.R. Tolkien.

So hungrig war und ist die Leserschaft nach Fantasy, dass auch Fließbandware wie „Die Elfen“, „Die Trolle“, „Die Halblinge“, „Die Orks“, „Die Zwerge“, „Der Krieg der Orks“, „Die Rückkehr der Zwerge“, „Das Handelsabkommen zwischen Orks und Zwergen“, „Die Blähungen der Orks“, usw. … viele Abnehmer finden (hier gibt es eine schöne Übersicht über diese „Völkerromane“). Um auch wirklich den letzten Groschen aus den Geldbörsen der zahlungskräftigen Fans rauszuholen, gibt es bei Fantasy-Kino-Filmen seit einiger Zeit den Hang zum Mehrteiler: War die Dreiteilung der „Herr der Ringe“-Trilogie noch sinnvoll, erscheint das Strecken der „Der Hobbit“-Verfilmung von 2012  auf drei Teile (der erste davon mit Überlänge) doch etwas konstruiert. Aus einem Buch, das man locker in einem Film hätte erzählen können, zwei Filme zu machen, war auch die Praxis bei „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ sowie „Bis(s) zum Ende der Nacht“. Eine Strategie der lukrativen Auswalzung des Originalwerks, die man übrigens auch im Buchbereich beobachten kann: Die deutsche Ausgabe von „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin wurde vom Verlag Blanvalet so herausgegeben, dass die englischen Originalbücher im Deutschen jeweils als zwei Bücher erhältlich sind, die aber einzeln etwa genau so viel kosten wie der doppelt so dicke Originalband.

Martins Romanreihe bildet nebenbei die Grundlage für eine der derzeit populärsten Fernsehserien überhaupt: „Game Of Thrones“. Es ist erstaunlich, dass ein erfolgreicher Fantasy-Roman als Serie und nicht als Film umgesetzt wurde, aber wenn man sich die oben beschriebene Auswalzungspraxis vor Augen hält, macht die Entscheidung fürs Serienformat absolut Sinn: Warum Kinofilmen umständlich einen Seriencharakter geben, wenn das bei Serien per defintion so ist? „Game Of Thrones“ war für mich übrigens der eigentliche Aufwach-Moment, in dem mir klar wurde, dass Fantasy sehr erfolgreich ein Mainstream-Publikum bedient: Plötzlich begeistern sich Menschen für Fantasy, die damit früher nie etwas anfangen konnten. Das liegt sicher auch an der aufwändigen Umsetzung der Serie, die für dieses Format ungewöhnlich genug ist – man vergleiche das einmal mit den Fantasy-TV-Serien „Herkules“ und „Xena“ aus den 90ern.

Der Eskapismus des Deserteurs und des Gefangenen

Wie erklärt sich nun diese Popularität? „Eskapismus“ ist das beliebte Stichwort: Fantasywelten sind oft einfacher, gerechter und übersichtlicher als unsere komplexe Realität – die Guten sind richtig gut, die Bösen sind richtig böse, und wer von den beiden am Ende gewinnt, lässt sich auch meist erahnen. Unscheinbare Bauern, Hobbits und Kinder entwickeln sich nach und nach zu Helden und triumphieren über die finsteren Mächte. Es sind symbolische Siege der eigentlich Machtlosen, die so in der Realität nie stattfinden könnten. Eine interessante Deutung gibt der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch, der in Bezug auf den Fantasyboom von dem Wunsch spricht, der „Tyrannei des Faktischen“ zu entkommen: Laut ihm sei Fantasy eine Abwehrreaktion auf den ungeschminkten und banalen Realismus von Reality-Dokus, die unsere Realität als etwas Hässliches erscheinen lassen. Wir fühlen uns in dieser Realität nicht wohl, nicht zu Hause. Sie verändert sich schneller, als das wir uns an sie gewöhnen könnten.

Die Frage ist, ob es etwas Schlechtes oder vielleicht sogar Notwendiges ist, vor dieser Realität zu flüchten. Tolkien selbst hat in seinem Aufsatz „On Fairy Stories“ (1937) folgende Merkmale von Fantasy aufgestellt:

1. Phantasie (Fantasy)
2. Wiederherstellung (Recovery)
3. Flucht (Escape)
4. Trost (Consolation)

Während Punkt eins relativ selbsterklärend ist, meint Tolkien mit Punkt zwei das „Wiedererlangen eines klaren Blicks“ sowie einen möglichen Perspektivwechsel. Bei Punkt drei unterscheidet er die Flucht des „Deserteurs“ und die des „Gefangenen“; ersterer ist ein Feigling, der sich der Realität nicht stellen will, zweiterer ein Verzweifelter, der einem unerträglichen Zustand entfliehen möchte. Es ist natürlich schwer zu sagen, ab wann jemand Realitätsflucht als Mittel einer dringenden Auszeit, eines Gedankenurlaubs, benötigt, und ab wann man dies aus Feigheit tut. Denn Angst haben beide, der Gefangene wie der Deserteur, doch der eine hat sie zu Recht, der andere nicht. Wovor haben wir heute Angst?

Science Fiction vermag nicht mehr zu trösten

Möglicherweise ist unsere heutige Zeit ein wenig mit den 80ern vergleichbar, wo man sich vor dem ständig drohenden Atomkrieg in hedonistischen Materialismus flüchtete. Seit etwa 10 Jahren befinden wir uns wieder in einer Welt voller Angst: Der Anschlag vom 11. September 2001 war der Grundstein für unsere Angst vor Terrorismus, der Klimawandel droht unsere Umwelt kollabieren zu lassen, Gentechnik rührt an die innerste Struktur der Natur und des Menschen, Computer und Internet krempeln ganze Kultur- und Wirtschaftsbereiche um, die Globalisierung lässt gewaltige Klüfte der Ungerechtigkeit entstehen, der Sozialstaat kuscht vor den wirtschaftlichen Forderungen nach Effizienz und das Schicksal ganzer Volkswirtschaften liegt in den Händen namenloser Finanzjongleure. Es ist eine kalte, komplexe, postmoderne und schnelle Welt, die uns auch ständig über die Medienrealität wissen lässt, dass sie kalt, komplex, postmodern und schnell ist. Wie sollte man bei diesem ständigen crisis-reminder nicht Angst haben?

Ich bin nicht verwundert, dass ein Hang zum romantischen Konservatismus heute durchaus populär ist. Das lässt sich besonders gut vor dem Hintergrund eines anderen Genres zeigen, dass mit Fantasy zwar verwandt ihr aber entgegengerichtet ist: Science Fiction. Science Fiction bezieht sich auf die Zukunft, Fantasy auf die Vergangenheit (übrigens nicht nur vom Setting, sondern manchmal auch ganz explizit: Sowohl Tolkiens „Herr der Ringe“ als auch Robert E. HowardsConan“ spielen in der Vorzeit der Erde). Schon daraus ergibt sich, dass Fantasy sich nicht mit der Lösung der derzeitigen Probleme beschäftigen möchte, vielmehr dreht sie die Zeit auf eine vorindustrielle Epoche zurück. Die Science Fiction hingegen lebt maßgeblich von der Auseinandersetzung mit der Realität, dem Weiterdenken von aktuellen Problemen und ihren möglichen Lösungen, die Vorausschau auf künftige Konflikte und deren Wurzeln in der Gegenwart.

Allerdings ist Science Fiction heute bei weitem nicht so populär wie Fantasy, was sich bereits beim Besuch einer normalen Buchhandlung feststellen lässt. Die große Hugendubel-Filiale bei mir in Potsdam weist derzeit etwa folgende Verteilung auf: Ein halbes Regal mit Science Fiction steht etwa eineinhalb Regalen mit Fantasy und Vampirromanen gegenüber und wird flankiert von einem ganzen Regal nur für „Das Lied von Eis und Feuer“. Populär ist Science Fiction nur im Kino, wenn auch meist mit düsteren Endzeitszenarien. Wo sind die strahlenden Visionen und konstruktiven Utopien geblieben?

Science Fiction bedeutete früher einmal, von der Zukunft zu träumen, doch genau die macht uns seit mindestens zehn Jahren nur noch Angst. Die Science Fiction, die bereits in unserem Alltag angekommen ist, reicht uns schon: Überwachung wie in „1984“, ein von Großkonzernen kontrolliertes Internet wie in „Neuromancer“, Gentechnik wie in „Schöne neue Welt“, Kampfroboter wie in „Terminator“. Irgendwie fällt es uns schwer zu glauben, die Zukunft könne durch Technik besser werden. Damit es besser wird, brauchen wir schon Magie. Und am sympathischsten erscheint uns Technik, wenn sie uns wie Magie entgegenkommt – leicht und unverständlich zugleich, wie die Bedienung eines iPhones.

Fantasy als Soundtrack zu Esoterik und Ökologisierung

Es wäre jedoch einseitig, Fantasy als reine Gegenreaktion zur gegenwärtigen Realität aufzufassen. Tatsächlich war der Boom nur dank eines gesellschaftlichen Klimas möglich, in das Fantasy hervorragend hineinpasst. Schließlich gibt es noch andere Reaktionen auf den Rationalismus der heutigen Welt, an erster Stelle eine immer stärkere Mainstream-Esoterik mit Versatzstücken aus Buddhismus, Engelglaube, Heilsteinlehre, Ayurveda, Zen, Homöopathie, Yoga, Reiki, Schamanismus, usw. … Unsere zunehmend unreligiöse Gesellschaft hat ein starkes Bedürfnis nach Sinngebung außerhalb rein rationaler Kriterien. Das ist nichts verwerfliches, denn man kann nicht nicht glauben.

Mit dem Esoterik-Trend einher geht eine immer stärkere Ökologisierung, bei der man mittlerweile von einem gesellschaftlichen Konsens sprechen darf. Der ökologische Gedanke ist – zumindest in Deutschland – politischer Mainstream (was auch gut so ist). Der Trend zu Bio-Produkten, regionalen Lebensmitteln, regenerativen Energien und Kraftstoffen offenbart den Wunsch nach einem gesünderen, authentischeren und ganzheitlichen Leben im Einklang mit der Natur. In der Fantasy ist das bereits der Fall, besonders das fiktive Volk der Elben kann als Idealbild einer ökologischen Lebensweise gelten. Auch wenn Fantasy sich oft vorwerfen lassen muss, sich anders als Science Fiction nicht mit den Problemen der Wirklichkeit zu beschäftigen, kann man zumindest beim Thema Umweltschutz einen indirekten Realitätsbezug feststellen (prominent etwa beim Herrn der Ringe).

Was uns vor uns selber Angst macht, ist, dass wir erstmals in der Geschichte der Menschheit in der Lage sind, unseren Planeten durch technische Mittel (biologisch, klimatisch, atomar) komplett zu verwüsten – wir sind der Natur überlegen. Die Fantasy nimmt uns diese Überlegenheit und die damit einhergehende Verantwortung wieder, indem sie uns nicht nur in eine Welt wirft, in der die Natur noch wie im Mittelalter 99 Prozent des Landes bedeckte und beherrschte, sondern in der sie zusätzlich noch magisch aufgeladen ist, in der Tiere sprechen können und Pflanzen eine Seele haben. Das macht die Natur um einiges mächtiger, ermöglicht es den Fantasy-Akteuren aber gleichzeitig, ihr nicht nur technisch sondern magisch zu begegnen. Dadurch können sie entweder direkt mit der Umwelt kommunizieren oder sie zumindest nach dessen eigenen Regeln verändern. In der Realität hingegen erscheint uns Technik immer mehr als Ursprung vieler aktueller Probleme, nicht aber als deren Lösung.

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund ist Fantasy der ideale „Soundtrack“ zu einem Denken, das die mystischen und irrationalen Aspekte des Lebens bewahren möchte. Es gibt aber – mindestens – noch einen wichtigen Punkt, warum Fantasy derzeit so tragfähig ist. Insbesondere nach dem Erfolg der Harry Potter-Bücher herrschte Verwunderung über ein bislang neues Phänomen: Ein offensichtliches Kinder- und Jugendbuch wurde begeistert auch von Erwachsenen gelesen. Die Buchverlage nutzten die Gunst der Stunde und erfanden den Begriff der All-Age-Literatur, das dem Phänomen einen Namen gab und es leichter verkäuflich machte. Mit diesem Etikett nämlich fiel der Widerspruch weg, dass man als Erwachsener Kinderliteratur liest. All-Age drückt aus, dass ein Buch von allen Altersgruppen gelesen werden kann – was eine ausgesprochene Banalität ist, denn natürlich konnten Kinderbücher schon immer von Erwachsenen gelesen werden. Ich erinnere mich an einen Ausspruch meines früheren Germanistik-Dozenten Peter Geist, der einmal meinte: „Manche Leute glauben ja, wer für Kinder schreibt, schreibt für kleine Idioten. Aber es ist eine hohe Kunst, gute Kinderliteratur zu schreiben.“

Zyniker mögen All-Age-Literatur als Beweis der fortschreitenden Infantilisierung und Nostalgisierung der Gesellschaft werten, ich sehe es eher als überfälligen Schritt an, denn selbstverständlich sind etliche Kinderbücher literarisch von höchstem Rang (z.B. „Krabat“ von Otfried Preußler oder „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende), und es gibt keinen Grund, sich diesen literarischen Genuss als Erwachsener zu versagen.

Kurzum: Das Jugendimage von Fantasy ist verschwunden. Damit stellt sich die Frage: Ist das Genre einfach mit seinen einstigen Fans groß geworden? Vielleicht war es erst jetzt möglich – in einem gesellschaftlichen Klima mit vielen Menschen, die in ihrer Jugend Fantasy gelesen oder Fantasy-Rollenspiele gespielt haben – Fantasy zum Mainstream-Geschmack zu erheben.

13 thoughts on “Fantasy für Feiglinge und Gefangene

  1. Habe ich als eigentlich Fantasy-Unwilliger mit meiner Begeisterung für „Game of Thrones“ zu deinen Erkenntnissen beigetragen?

    Freue mich schon auf die 3. Staffel!

    • Ja, du dientest mir da als Vorbild, aber diese Retina-Cast-Folge (http://retinacast.de/game-of-thrones/) hat mich auch bestätigt. Das liegt vielleicht auch daran, dass GoT ja erstmal mittelalterlich ist, Drachen und Magie kommen da kaum vor.

      Ich bin jetzt vor allem gespannt darauf, die Serie überhaupt mal zu sehen, der Podcast hat mir echt Lust darauf gemacht

      • Denke, es müsste deinen Geschmack auch treffen. Anspruchsvoll ist vor allem die große Anzahl an Figuren! Man müsste eigentlich eine Figurenübersicht in der Hand halten, während man die Serie schaut!

  2. So eine schöne Zusammenreihung wäre auch für die Science Fiction interessant. Nach etwas Brainstorming kann ich eine der Beobachtungen sehr bestätigen: z.B. ist das Computerspiel-Genre der Weltraumspiele seit dem gefloppten „Freelancer“ fast ausgestorben, und große Heile-Welt-Serien wie Star Wars oder Star Trek wurden gegen Ende hin immens düster („Die Rache der Sith“, „Nemesis“). Aber auch die Science Fiction mit ihrem Hang zur „sauberen“ Wissenschaft, Technik und „reinen Vernunft“ kann man sehr leicht für Ideologie und Eskapismus missbrauchen; gut, dass solche Heile-Welt-Wünsche den Menschen mittlerweile wieder auf den Geist gehen, wenn auch dann gleich wieder übertrieben alles in den ärgsten Pessimismus umschlägt (z.B. die Alien-, Terminator- oder Matrixreihe).

    Vielleicht ist es Zeit für eine neue Form von Science Fiction, die die Zukunft weder als Paradies noch als Post-Apokalypse darstellt, sondern – ich kann das leider nur recht abstrakt ausdrücken – als der Raum, wo das völlig Unerwartete und Unvorhersehbare sich ereignet (so wie die merkwürdigsten Blitze unberechenbar aus einer dunklen Wolke schießen).

    • „gut, dass solche Heile-Welt-Wünsche den Menschen mittlerweile wieder auf den Geist gehen“

      Auch ich stehe einer rein vernunftorientierten Welt natürlich skeptisch gegenüber, aber ich muss sagen, dass mich die optimistischen Zukunftsvisonen nicht nerven, in heutiger Zeit empfinde ich sie als sehr erfrischend, gerade eine Serie wie Star Trek finde ich an sich sehr sympathisch, weil sie so ziemlich die einzige Science Fiction ist, die ein optimistisches Bild der Zukunft hat (außerdem: wo kann man im amerikanischen Fernsehen schon eine Welt sehen, in der der Kommunismus verwirklicht wurde?) Eigentlich würde auch ich gerne mit Neugier und Vorfreude in die Zukunft sehen.

      Was die Science Fiction vielleicht noch immer nicht verwunden hat, ist, dass technische Lösungen nicht die Antwort auf alles sind. Viel wichtiger ist zunächst der politische WIlle, gewisse Dinge einfach mal umzusetzen (Energiewende). Wir könnten in einer paradiesischen Welt leben, wenn wir uns einfach entscheiden würden, gewisse Dinge, die längst machbar sind, auch zu machen. Aber mittlerweile erscheint uns nicht mehr die technische Machbarkeit von gewissen Dingen als Science Fiction, sondern die Fähigkeit, richtige Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

      Mein alter Professor, Herr Petsche, nannte einmal das Faktor 4-Modell (Doppelter Wohlstand bei halbierten Naturverbrauch) von Ernst Ullrich von Weizsäcker als Versuch, dem Kapitalismus eine Utopie zu geben, („Nachhaltigkeit mit Genuß“): Ein optimistisches Modell, mit dem wir unsere Energieprobleme bewältigen können, ohne den Gürtel enger zu schnallen, wovo ja alle immer Angst haben, wenn es um die Energiewende geht http://wupperinst.org/projekte/themen-online/oeko-innovationen/

      Eine Notiz, die ich mir damals gemacht habe, war übrigens: Braucht unsere technische Welt einen neuen Mythos? Wie wärs mit Surrealismus, denn die technische Welt erzeugt eine surrealistische Realität

        • vielleicht lässt sich meine position zum optimismus so beschreiben (leider kann ichs nicht einfacher ausdrücken): ich wünsch mir weder eine heile welt noch einen paradisischen endstillstand, sondern dass ein jeder immer wieder aufs neue lebenstechniken entdeckt, die ihm neue möglichkeiten eröffnen, welche ihm lust auf (und damit auch a n) der veränderung bereiten. z.b. ist es schrecklich, wenn jemand die ökologische wende als ein kreuz, dass man tragen muss, begreift, und nicht als etwas befreiendes. wer die veränderung l e b t, hat den optimismus/ das hoffen nicht nötig, da er ein gutes gefühl aus dem handeln selbst gewinnt – der wert seines handelns ist völlig unabhängig vom letztlichen erfolg. hinter dem wort „optimismus“ wittere ich also immer noch eine pessimistische perspektive… fröhlichen menschen, die bereits „auf dem weg sind“, wird es glaube ich nicht in den sinn kommen.

          • „wer die veränderung l e b t, hat den optimismus/ das hoffen nicht nötig, da er ein gutes gefühl aus dem handeln selbst gewinnt“

            Das hast du schön gesagt :) Das ist natürlich auch meine Vorstellung: Eine Welt, die nicht saturiert und aller Probleme bereinigt ist, sondern eine spanndende Welt der Vielfalt und der offenen Möglichkeiten. Rhizom ist die Utopie, immer auf einen Zustand hinarbeiten, der mehr Denk- und Handlungsmöglichkeiten erschließt. Ich weiß gar nicht, ob es deratige Science Fiction eigentlich gibt, es wäre dann auch eher sog. „Social Science Fiction“. Die Science Fiction tritt leider nur noch als Warner auf, aber nicht mehr als Visionär in dem Sinne: Sieh, so könnte unsere Welt auch aussehen. Deshalb liebe ich halt Heiner Müller, Nietzsche oder Foucault: Sie können einem wirklich neue Gedanken bescheren.

            Mir fällt da noch ein Zitat ein, dass ich gerade nicht zuordnen kann: „Hoffnung ist die Verzweiflung der Idioten“ Hm.

  3. Pingback: Verwirrung ist dein Freund | Elfenbeinbungalow

  4. Sehr schön geschrieben.Stimmt schon, dass das Genre immer mehr die Masse zu begeistern scheint. Bei den Serien ist GoT sicherlich gut dabei, aber wirklich von „Masse“ kann man da noch nicht reden. Episoden aus Staffel 2 haben wohl in Amerika durchschnittlich 10 Mio. Zuschauer gehabt (mit Reruns und VoD). In den USA gibt es allerdings auch geschätzt 114 Mio. Haushalte mit Fernseher.
    LotR war schon ein ziemlicher Hit, der das Genre beliebter gemacht hat. Im Kino dominiert aber Sience Fiction über Fanatasy: http://www.boxofficemojo.com/alltime/adjusted.htm
    Zukunftausblicke scheinen das breite Publikum stärker zu interessieren.

    Die Hobbit dreiteilung ist ganz schlimm! Und dann wird jeder Film auch noch 3 Studen lang.

    In Sachen Bücher kann ich noch The Name of the Wind von Patrick Rothfuss empfehlen. Der zweite Teil The Wise Man’s Fear wurde im deutschen auch in zwei Teile aufgeteilt…

  5. Pingback: Horror vs. Terror | Elfenbeinbungalow

  6. Dieser Gegensatz geht historisch noch viel weiter zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Jules Verne („Science Fiction“), aber eben auch William Morris, der angeekelt vom Industriezeitalter völlig eskapistische Mittelalterromane („Fantasy“) schrieb, schwindsüchtige Pseudomittelalterfrauen malte und mit seiner Antibewegung künstlerischer Vorreiter des Jugendstil wurde. Das sagt mir, dass es wie damals weiterhin auch beide Richtungen geben wird.

    Für mich gibt es übrigens kaum ein Jahrzehnt das unserer Gegenwart so fremd ist wie die 80er … Und siehe da: die 80er schenkten uns den Film „Blade Runner“ und den Cyberpunk. Also eine fruchtbare Zeit für die Science Fiction!

    • Mit Sicherheit gibt es diese Entwicklungen schon länger, ich denke, es ist ein Auf und Ab. Irgendwann wird Fantasy wieder out sein und SF in. Mal sehen wann…

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