Mehrsprech – „Abjekt“

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Kurz-Definition: „Abjekte“ sind Dinge, um die ein Grossteil der Menschen einen geistigen Bogen macht, weil sie unverständlich, fremdartig, unmöglich, angsteinflößend oder ekelerregend sind.

Namen für unangenehme Dinge zu finden, ist oft nicht leicht. Namen für etwas zu finden, um das alle geistig einen Bogen machen, ist noch schwerer. Zumindest gibt es einen Namen für dieses Phänomen an sich: Abjekt.

Im Gegensatz zum Objekt, das der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit ist, ist das Abjekt eine Art Leerstelle, mit der sich niemand beschäftigen will. Eingeführt wurde das Wort 1980 von der französischen Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva, die in ihrem Buch „Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection“ von „Abjektion“ (Verwerfung) sprach, um die Beziehung einer Person zu etwas Ekelerregenden zu beschreiben. Laut Kristeva diene die Abjektion, um sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren und so die psychische Grenzziehung zwischen dem „Selbst“ und dem „Anderen“ zu ermöglichen.  

Abjekt lässt sich in zwei Bedeutungen verwenden: Zum einen als Bezeichnung für Dinge, die Ekel und Abscheu auslösen (z.B. Spinnen, Leichen, Exkremente, usw.) und zum anderen als Dinge, die man geistig verdrängt. Wie meine Kurzdefinition schon zeigt, ist letztere Bedeutung für mich die Interessantere. Man könnte sagen, Abjekte sind nach diesem Verständnis so viel wie Tabus, doch der Unterschied besteht darin, dass sich eine Gesellschaft im Wesentlichen über Tabus bewusst ist, während das Abjekt eher halb- oder unbewusst ist; über Tabus spricht man vielleicht nicht, doch man denkt darüber viel nach, Abjekte jedoch werden auch geistig ignoriert oder verdrängt. Tabus kann man beim Namen nennen, wenn man sich traut, Abjekte hingegen sind diffuser und verweigern sich eigentlich der Verbalisierung. Surrealistische und phantastische Malerei ist voll von Abjekten.

Selbsterständlichkeiten und Probleme anderer Leute

Ein schönes Beispiel für ein Abjekt ist übrigens das „Problem-anderer-Leute-Feld“ (PAL) in Douglas Adams „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“: Es wird im Buch dazu benutzt, um ein Raumschiff zu tarnen, dass mitten auf einem Kricket-Feld steht. Laut Adams nutzt das Feld die angeborene Neigung vieler Menschen, Dinge, die sie geistig nicht fassen können oder die einfach nicht sein dürfen, zu einem Problem anderer Leute zu erklären. Ergebnis: Die Leute schauen real und mental in eine andere Richtung, sobald ihr Auge ein PAL-Feld streift.

Ein nächster Schritt wäre übrigens, ein ähnliches Wort wie Abjekt zu finden, dass allerdings nicht negativ, sondern neutral verwendet werden kann. Ich meine damit ein Wort für Dinge, die so selbstverständliche Gewohnheiten sind, dass man eigentlich gar nicht mehr über sie nachdenkt, zum Beispiel dass Weiß das Gute und Schwarz das Schlechte symbolisiert oder dass man Bücher immer von links nach rechts liest (Manga-Leser wissen es natürlich besser). Dies wäre ein gutes Mittel, um auch vermeintlich selbstverständliche Dinge in Frage zu stellen, zum Beispiel, dass Fleisch-Essen natürlich ist oder Schulkinder um acht Uhr früh in die Schule müssen, obwohl dies eine Bevorteilung von Frühaufstehern ist.

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