Mehrsprech – „Würstchen-Prinzip“

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Kurz-Definition: Das Würstchen-Prinzip besagt, dass man besser nie wissen sollte, wie Dinge, die man mag, hergestellt werden oder zustande kommen – oder besser doch.

„Gesetze sind wie Würste – man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ (Otto von Bismarck). Dieser Vergleich ist leider allzu wahr, denn ebenso wenig, wie in Würstchen ausschließlich die qualitativ besten Zutaten verarbeitet werden (sondern eher Fleisch-Reste), sind Vernunft und Sachverstand die Hauptzutaten bei der Fabrizierung so mancher Gesetze (sondern eher Ideologie und Hinterzimmer-Deals). Grund genug vom „Würstchen-Prinzip“ zu sprechen, wenn es um akzeptierte und anerkannte Dinge geht, die ungern hinterfragt werden, weil ihr Ursprung fragwürdiger Natur ist.

Auf die Idee gebracht hat mich ein Video des Comedians John Oliver, der den Amerikanern die Fußball-Weltmeisterschaft erklärt: Er beginnt mit einer Erläuterung des „Sausage-Principle“, das meiner oben stehenden Kurzdefinition entspricht, und sagt dann: „This is my sausage – the World Cup“. Im Folgenden geht er vor allem auf die zahlreichen Korruptionsvorwürfe gegen die FIFA und die negativen Auswirkungen für die Bevölkerung der jeweiligen Ausrichter ein. Es stimmt schon – die WM ist das populärste Sportereignis der Welt, und doch ist sie mit vielen kriminellen Machenschaften verbunden.

Zivilisation und Kultur dank Pornographie und Gewalt

Denkt mal nach – was für „Würstchen“ kennt ihr noch? Zum Beispiel die Kirche, die zwar als Großfiliale Gottes auf Erden gilt, ihre heutige Macht jedoch durch blutige Unterdrückung sicherte. Oder das Internet, das eine Erfindung des Militärs war. Oder die Kunstformen Film und Fotographie, deren Verbreitung durch Pornographie und die Nachfrage danach angetrieben wurde. Oder als Geniestreich gefeierte Popsongs wie „Bitter Sweet Symphony“, deren Melodie von einem viel älteren Song einer anderen Band stammt, welche die Melodie wiederum aus einem noch älteren Song entliehen hatte…

Bei genauerer Betrachtung ist unsere Welt voller Würstchen, also voller eigentlich positiver Dinge, die keineswegs aus edlen und humanistischen Motiven entstanden sind, sondern durch Zufälle, Geld- und Machtgier, Betrug, Gewalt und andere zweifelhafte Beweggründe verursacht wurden. Arthur C. Clarke ging im Drehbuch für „2001 – Odyssee im Weltraum“ sogar so weit, den Ursprung der Zivilisation und der Menschwerdung in der Erfindung von Waffen zu sehen (im Form eines Knochens, mit dem ein Affe einen anderen tötet).

„Würstchen“ als Metapher kritischen Denkens?

Das Würstchen-Prinzip ist somit (ganz im Sinne der Genealogie bei Foucault) ein Denkwerkzeug, das uns hilft, unsere Welt, die nun mal nicht so ideal und linear ist, wie wir sie uns oft vorstellen, besser zu verstehen. Ja, verstehen, denn natürlich bin ich nicht der Meinung, dass man besser nicht wissen sollte, wie etwas entsteht, was man mag, sondern dass man das Würstchen-Prinzip zum Anlass nehmen sollte, seine Umwelt und seine unkritische Wahrnehmung („etwas für wahr nehmen“) mancher Dinge zu hinterfragen. „Würstchen“ könnte – als Synonym für positive Dinge mit fragwürdigem Ursprung – sogar das Zeug zu einer Metapher haben, die Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs wird.

Übrigens: Auch das Eingangs-Zitat, aus dem ich das Würstchen-Prinzip postuliert habe, ist ein Würstchen: Bismarck wird dieses Zitat zwar seit den 1930er Jahren zugeschrieben, sein eigentlicher Urheber ist jedoch der amerikanische Dichter John Godfrey Saxe. Aber berühmte Zitate dürfen nun mal nur von berühmten Persönlichkeiten stammen, und nicht von irgendwelchen unbekannten Schriftstellern.

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