Satire darf alles – aber was muss sie?

Satire darf alles - aber was muss sie

Warum Satire Anschläge nicht provoziert, sondern verhindert, warum wir zum Lachen verführt werden müssen und wann Satire Sinn macht und wann nicht.

Satire darf alles, ja, sie muss alles dürfen. Warum? Das zeigt ein aktuelles Beispiel aus Köln: Traditionell fahren beim Rosenmontags-Umzug Festwagen durch die Stadt, die mit ätzenden und satirischen Motiven Ereignisse der letzten Zeit kommentieren. So sollte auch ein Wagen mit Bezug auf die Anschläge auf die Redaktion des Pariser Satire-Magazins Charlie Hebdo Teil des Umzugs sein. Obwohl der Entwurf bereits im Internet abgestimmt worden war, entschied sich das Festkomitee etwa eine Woche vor Rosenmontag, den Wagen nicht fahren zu lassen. Begründung: Man sei zwar mit der Botschaft des Wagens einverstanden, wolle aber nicht „die Freiheit und leichte Art des Karnevals“ einschränken.

Dieser beschämende Fall von vorauseilender Feigheit ist aus gleich mehreren Gründen eine absolut unverständliche und gefährliche Entscheidung:

  1. Der Wagen war vorbildlich gestaltet und zeigte einen Karikaturisten, der einem Terroristen (ohne jegliche muslimische Attribute) einen Bleistift in dessen Gewehrlauf steckte. Der Entwurf war in keiner Weise unnötig geschmacklos oder provozierend oder stellte den Propheten Mohammed dar.
  1. Es gab keinerlei Hinweise von Seiten der Polizei, dass es Anschlags- oder sonstige –Drohungen gegeben hat.
  1. Sowohl der Kölner Bürgermeister als auch der Zentralrat der Muslime haben sich für die Teilnahme des Wagens ausgesprochen.

Doch am wichtigsten ist der folgende Punkt:

  1. Durch das Zurückziehen des Wagens setzt man ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass Terrorismus funktioniert. Das Festkomitee glaubt, im Sinne der Sicherheit zu handeln, doch sie tut das exakte Gegenteil: Durch ein derart zur Schau gestelltes Schissertum fordert man Terroristen geradezu dazu auf, mehr Anschläge zu verüben.

Die Verantwortlichen hätten wahre, närrische Unbeschwertheit zeigen können, indem sie den Wagen zugelassen und so gezeigt hätten, dass sie sich von humorlosen Fanatikern nicht die Stimmung vermiesen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass das Festkomitee seine Entscheidung bis Rosenmontag noch einmal überdenkt.

Tabus führen zum Dammbruch

Dieses Beispiel führt uns zu einem ersten wichtigen Punkt, was Satire muss, nämlich Risiken eingehen. Satire, die nur auf Nummer sicher geht und mit der am Ende jeder einverstanden ist, ist keine, denn Satire muss Probleme ansprechen und dort hingehen, wo es weh tut.

Aber kommen wir noch einmal auf die berühmte Frage „Was darf die Satire?“ zurück, die Kurt Tucholsky in seinem gleichnamigen Text von 1919 konsequent mit „Alles.“ beantworte. Das mag auf den ersten Blick undifferenziert und vielleicht sogar großkotzig klingen, doch es gibt gute Gründe für diese Antwort.

Sobald man nämlich damit beginnen würde, bestimmte Themen und Bereiche zu Satire-Tabus zu erklären, wäre ein verhängnisvoller Dammbruch vollzogen, dem weitere Verbote und Tabus folgen würden. Denn die Funktion der Satire als Meinungs-Korrektiv und „Verdeutlicher“ von Problemen ist zu wertvoll, um sie einzuschränken. Die Satire ermöglicht etwas, was man mit Moralpredigten oder nüchternen gesellschaftspolitischen Analysen nur bedingt erreicht: Man bringt Menschen dazu, über ein kritisches Thema nachzudenken, indem man es in einer unterhaltsamen Form verpackt. Satire verführt Menschen zum Lachen, denn durch dieses Lachen wird ein Denkprozess in Gang gesetzt, der im besten Fall dazu führt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Der Preis des Spotts

Dazu muss sich der Satiriker extremer Mittel bedienen: „Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“ (Tucholsky). Was sie nicht darf, ist, Tatsachen zu verfälschen und dies als wahr zu verkaufen, denn dann wird sie zur Propaganda.

Natürlich passiert es immer wieder, dass auch Satire mal übers Ziel hinausschießt,  unnötig verletzend oder geschmacklos ist, und sich in unangemessener Weise über das Ziel des Spotts lustig macht. Es ist bedauerlich, wenn das passiert, aber meiner Meinung nach wiegt der gesellschaftspolitische Wert der Satire diese Überschreitungen letztlich um ein Vielfaches auf.

Das soll jedoch nicht heißen, dass man unter dem Deckmantel der Satire alles und jeden beleidigen darf – bzw. man darf es schon, nur muss man dann mit dem entsprechenden Echo rechnen, in den Diskurs eintreten und sich gegebenenfalls entschuldigen. Es gibt gewisse Regeln dafür, was Satire ist, und was nicht. Denn nur, weil sie alles darf, heißt das noch nicht, dass dabei auch jedesmal gute Satire herauskommt.

Wählt eure Waffen und Ziele weise

Satire muss Sinn machen. In einer großen Zeitung eine beißende Karikatur über irgendeinen angetrunkenen Oktoberfest-Besucher zu veröffentlichen, der in einem Youtube-Video peinliche Sätze geäußert hat, macht nicht viel Sinn, weil die Wahl der Waffen nicht der Stärke des Gegners entspricht. Dieser Artikel des extra 3-Autors Jesko Friedrich bringt das sehr schön auf den Punkt: Satire tritt nicht nach unten, sie ist das Mittel der Machtlosen, um die Mächtigen zu kritisieren. Deshalb sind Politiker – zu Recht – das bevorzugte Ziel von Karikaturen.

Ähnliches gilt für ein vermeintliches Tabu der Satire: Der Holocaust. Es ist kein Tabu, den Holocaust zum Thema von Satire zu machen, es macht nur einfach keinen Sinn. Wen will man mit dieser Satire angreifen? Ich persönlich kann mir nur zwei Fälle vorstellen, in denen der Holocaust als Thema von Satire Sinn macht: Zum einen, wenn es darum geht, seine Verursacher, also die Nationalsozialisten, anzugreifen (oder Gruppen, die ähnlich schwere Verbrechen verübt haben oder planen), und zum anderen, wenn jemand, der in irgendeiner Weise vom Holocaust betroffen war oder ist (zum Beispiel als Überlebender oder als Nachkomme von Holocaust-Opfern), sich satirisch darüber äußert, um mit dieser psychischen Last umzugehen. Wenn der Holocaust hingegen nur als Mittel für einen platten Gag über ein triviales Thema benutzt wird, gilt dies zu Recht als geschmacklos und verhöhnend gegenüber den Opfern.

Natürlich sind auch die hetzerischen Juden-Karikaturen, die im Nationalsozialismus gedruckt wurden, formal gesehen Satire, aber sie folgten einer menschenverachtenden Ideologie und waren nicht der Wahrheit verpflichtet. Ein Großteil der Satire, der wir heute in Deutschland begegnen, folgt hingegen humanistischen und aufklärerischen Idealen. Für die Satire in unserer Gesellschaft gilt deshalb das, was letztlich für jede Meinungsäußerung gilt: Sie sollte nicht diskriminierend, rassistisch, sexistisch, homophob oder fremdenfeindlich sein, sondern jene angreifen, die sich diskriminierend, rassistisch, sexistisch, homophob und fremdenfeindlich äußern oder in dieser Weise handeln.

Daher: Satire muss alles dürfen, aber Satiriker müssen sich auch klarmachen, dass sie die richtigen Ziele auswählen.

PS: Ich bin seit vielen Jahren freier Mitarbeiter des Satiremagazins Eulenspiegel und – wie die Leser meines Blogs wissen – auch als Zeichner von Comics und Karikaturen unterwegs. Als solcher habe ich mir in den vergangenen Wochen sehr viele Gedanken zur Rolle der Satire gemacht, die ich zum Teil bereits in dem kürzlich erschienen funkUP-Podcast zum Thema Satire geäußert habe und die ich hier nun (aus Anlass des Falls in Köln) zusammengefasst habe.

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