Das Kunst-Dreieck

Das Kunst-Dreieck

Warum Kunst nicht nur von Können kommt (sondern auch von Intention und Anerkennung), wer entscheidet, was Kunst ist, welchen Wert Vielfalt für Kunst besitzt und warum Hip Hop (trotz anderslautender Behauptungen) Musik ist.

Ich hatte vor kurzem eine recht lange Kunst/Musik-Diskussion auf Facebook: Auslöser war ein Hip Hop-Post meinerseits, worauf einer meiner Freunde kommentierte, nach seiner Definition sei diese Musikrichtung melodisch, harmonisch und rhythmisch so limitiert, dass Hip Hop für ihn per se keine Musik sei. Das führte natürlich bei mir und einigen anderen Freunden umgehend zu Schnappatmung, und es entbrannte eine lange Debatte über die Frage, ob Hip Hop Musik ist (rangiert auf dem gleichen Niveau wie die Frage: „Ist Wasser nass?“).

Nach dieser Verschwendung von kostbarer Lebenszeit beschäftigte mich die Diskussion dennoch weiter, denn im Kern ging es um die Frage, was für eine Definition von Musik/Kunst man eigentlich ansetzt, und wo man die Grenze zieht, was Kunst ist, und was nicht. Mir war es wichtig, meine Gedanken noch einmal sortieren und selbst zu verstehen, warum ich die Musik-Definition meines Freundes ignorant fand, denn mit einer Definition, die Hip Hop nicht als Musik anerkennt, stimmt meines Erachtens etwas nicht.

Kurz gesagt: Eine Definition, die nur darauf Wert legt, dass Musik immer über ein gutes Maß an Melodik, Harmonik und Rhythmik – also an Komplexität – verfügen müsse, war mir zu eingeschränkt und limitiert, um eine derart vielfältige Kunstform zu beschreiben. Zudem betonte mein Freund immer wieder die Wichtigkeit des handwerklichen Könnens („Kunst kommt von Können“), das Kunst erst zu solcher mache. Auch das ist mir zu wertend und zu einschränkend.

Menschengemachte Vielfalt ohne Zweck

Für mich ist entscheidend, dass eine Kunst-Definition möglichst breit und offen ist. Kunst ist, wie alle menschengemachten Dinge, einem steten Wandel unterzogen, eine wissenschaftlich produktive Definition kann daher nicht an einer gewissen Stelle einfach stehen bleiben und gegenwärtige und zukünftige Veränderungen einfach ignorieren, sonst kann man nicht viel mit ihr anfangen.

Daher basiert mein Kunstbegriff auf drei Grundannahmen:

  1. Für mich hat Vielfalt einen hohen Eigenwert: Je vielfältiger eine Kultur oder Gesellschaft ist, desto besser. Gerade Kunst lebt von Vielfalt, denn nur aus Vielfalt (bzw. dem Zulassen von Vielfalt) kann Neues entstehen. Wenn wir angemessen und wissenschaftlich über Kunst sprechen wollen, ist es daher für mich unabdingbar, eine Definition zu finden, die möglichst breit ist und möglichst viel von dieser Vielfalt einschließt.
  1. Kunst ist keine exakte Wissenschaft. Daher sollte eine Definition keine Werturteile darüber treffen, was denn nun gute Kunst sei. Dies ist eine vornehmlich ästhetische Frage, die sich nicht mit objektiven Kriterien beantworten lässt. Es gibt gute und es gibt schlechte Kunst – dennoch ist beides erst einmal Kunst.
  1. Ich gehe nicht von der beliebten Definition „Kunst kommt von Können“ aus, sondern von der Unterscheidung zwischen „künstlich“ (menschengemacht) und „natürlich“ (naturgemacht). Ein Fels, der vom Wetter bearbeitet wurde, kann spektakulär aussehen, doch er ist eben Teil der Natur. Sobald ein Fels von einem Menschen bearbeitet wird, ist er Teil der Kultur.

Natürlich ist nicht Alles, was vom Menschen geschaffen wurde, Kunst, sondern vor allem Technik. Der Unterschied zwischen Kunst und Technik besteht darin, dass Technik meist für einen direkten, praktischen Nutzen geschaffen wurde, während Kunst einen ideellen und astethischen Wert besitzt: Durch sie drücken wir uns aus, durch sie spielen wir, sie eröffnet uns Diskurse, wir empfinden sie als schön, berührend oder unterhaltend. Kunst ist all das, was Menschen schaffen und nicht lebensnotwendig ist, sondern was das Leben schöner macht.

Drei Kriterien – wähle zwei

Auf Grundlage dieser Prämissen habe ich nun drei Merkmale ermittelt, die meiner Ansicht nach Kunst kennzeichnen. Ich glaube, dass zumindest zwei dieser Merkmale gegeben sein müssen, um bei menschengemachten Objekten, Installationen, Klängen oder Prozessen von Kunst sprechen zu können:

  • Künstlerische Intention (Künstler)
  • Anerkennung als Kunst (Publikum)
  • Handwerkliches Können (Werk)

Diese drei Merkmale/Kriterien sind nicht hierarchisiert, es gibt keines, das über dem anderen steht. Ich denke, dass sie alle gleich wichtig für Kunst sind. Da ich oben gesagt habe, dass ich keine Werturteile fällen möchte, unterscheide ich bei „Anerkennung“ auch nicht zwischen Massenpublikum und Kritikern, bei „Können“ nicht zwischen Virtuosität und Laienhaftigkeit oder bei „Intention“ zwischen hohem oder niedrigem künstlerischem Anspruch – sie müssen einfach nur vorhanden sein.

Wie gesagt müssen immer mindestens zwei Kriterien davon erfüllt sein. Gehen wir das ganze einmal durch:

Wenn nur Intention und Anerkennung vorhanden ist, dann haben wir den beliebten Fall von Kunstwerken (z.B. Malewitschs „Schwarzes Quadrat“), über die manche Leute sagen: „Das hätte ich auch machen können!“ Worauf man nur antworten kann: „Ja – hast du aber nicht!“ Die künstlerische Intention hebt ein technisch anspruchsloses Werk über andere technisch anspruchslose Werke hinaus, weil hier ein Mensch seine persönlichen Ideen und sein Empfinden zum Ausdruck bringt – eine grundlegende Funktion von Kunst.

Die Kunstgeschichte ist aber ebenso voll von Künstlern, die nicht als solche anerkannt waren, obwohl sie handwerklich gut waren, und auch der Meinung waren, Kunst zu schaffen: Man denke an M. C. Escher, der lange Zeit eher als technischer Zeichner angesehen wurde, oder an Vincent van Gogh, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkaufte. Dennoch – so hat es zumindest ein späteres Publikum erkannt – sind sie eindeutig Künstler.

Denkbar ist auch der Fall, dass ein Werk ohne künstlerische Intention handwerklich gut gemacht ist und von einem Publikum als Kunst anerkannt wird: Insbesondere vor der Renaissance haben sich Künstler in erster Linie als Handwerker verstanden und nicht als kreative Individuen, die sich ausdrücken. Ein anderer Fall wäre der des unbeabsichtigten Kunstwerks: Zum Beispiel wenn ein Tischler, der sich nicht als Künstler betrachtet, sehr schöne Schränke fertigt, welche seine Kunden als Kunst erachten.

Würde man einen dieser Aspekte über die anderen erheben, ergeben sich Schwierigkeiten: Wenn das handwerkliche Können entscheidend ist, dann würden viele technisch unterkomplexe Kunstwerke nicht mehr als solche gelten. Würde nur die Publikumsmeinung zählen, dann könnte schlicht alles zu Kunst erklärt werden und der Kunstbegriff würde aufgeweicht. Und würde nur die künstlerische Intention gelten, könnte praktisch jeder behaupten, Künstler zu sein, was ebenfalls eine Aufweichung zur Folge hätte.

Organisierte Schallereignisse

Was ist nun Musik? Gemäß meiner anfänglichen Trennung von künstlich/natürlich wären Dinge wie Vogelgezwitscher oder Windwehen keine Musik, da sie nicht-menschlichen Ursprungs sind und daher weder eine künstlerische Intention noch handwerkliches Können aufweisen können. Samples von Vogelgezwitscher hingegen können wiederum Musik sein.

Ich kann mich eigentlich nur der Wikipedia-Definition anschließen: Musik umfasst Werke aus organisierten Schallereignissen. Es geht also um Klänge, die in irgendeiner Art angeordnet sind.

Würde man als Grundkriterien für Musik zumindest das Vorhandensein von Rhythmus oder Melodie fordern, würde dies viel experimentelle Musik ausschließen, etwa die Soundflächen von György Ligeti (Hörbeispiel) oder Tangerine Dream (Hörbeispiel) könnten davon nicht erfasst werden. Und man denke nur an John Cage, der sogar zufällige Alltagsgeräusche oder die Stille als Musik ansah. Man würde also sehr spannende Bereiche ausschließen, jene Bereiche, in denen Neues entsteht. Die Bedeutung der Grenzüberschreitung in der Kunst verdeutlicht übrigens dieser sehr schöne Webcomic.

Natürlich gibt es bei einer solchen, sehr offenen Definition gewisse Probleme: Ein organisiertes Schallereignis ist zum Beispiel auch ein Gespräch oder eine Klangcollage aus Naturgeräuschen. Hier helfen uns aber wiederum die drei Kunst-Kriterien: Hat der Künstler sein Werk als Musik intendiert (bei einem Gespräch dürfte dies kaum der Fall sein)? Gibt es ein Publikum, das das Werk als Musik ansieht? Und hat der Künstler handwerkliches Können beim Erzeugen/Zusammenfügen der Klänge angewandt?

PS: Hip Hop erfüllt alle diese Kriterien.

7 thoughts on “Das Kunst-Dreieck

  1. Man fragt sich, warum die Geisteswissenschaften sich mit einer Begriffsdefinition der Kunst so schwer tun. Ist doch vollkommen ausreichend, was du hier schreibst :)

    • Naja, die vorangegangene Diskussion hat ja gezeigt, dass man sich nicht so leicht auf Definitionen einigen kann :) Daher neigt man in der Geisteswissenschaft vielleicht dazu, feste Definitionen zu vermeiden. Der Punkt ist, dass es nicht die eine richtige Definition von Kunst gibt (auch meine natürlich nicht), sondern tausende, die nicht in Stein gemeißelt sind. Das beste ist, sich viele verschiedene davon anzuschauen und dann einfach zu vergleichen – daraus ergibt sich dann vielleicht eine unsichtbare Meta-Definition von Kunst.

    • Ach ja, und Hip Hop ist natürlich weder melodisch, noch harmonisch noch rhythmisch irgendwie limitiert und sollte daher auch sehr engen Musik-Definitionen genügen. Das habe ich im Text nicht mehr explizit hingeschrieben, da ich der Ansicht bin, dass sich das von selbst versteht :)

  2. Hey Erik, sehr spannend!

    Dieser Blog hier stellt deine Definition jedoch auf die Probe :)
    http://salibonani.org

    Die künstlerische Intention fehlt, die Anerkennung ist den kleinen völlig schnuppe und das Können ist kein handwerkliches sondern ein improvisatorisches. Die Kunst ist das Ergebnis eines absichtslosen, erforschenden Prozesses. Flow. Schöpferisch möchte man sagen. ( http://salibonani.org/2016/02/23/new-guest-entry-cookie-sculpture-by-lowis-13-months/ )

    • Darüber ließe sich diskutieren, aber ich kann bei den Fotos schon eine künstlerische Intention erkennen. Auch wenn die Konstruktionen zufällig entstanden sind, ist doch allein die Entscheidung, sie zu fotografieren und so zu inszenieren eine künstlerische Absicht. Durch die Fotos und den Blog erhalten die Konstruktionen auch erst ein Publikum. Und Teile dieses Publikums sehen das sicher als eine Form von Kunst an – zum Beispiel nennst du das Ganze Kunst, damit ist aus meiner Sicht die künsterlische Anerkennung vorhanden.

      • Ahja, so gesehen ist das wie bei deinem Tischler-Beispiel. Aber braucht es diesen der drei Aspekte dann nicht immer, wenn man von Kunst auch nur spricht? Bei Escher und Van Gogh war es ja dann zeitversetzt der Fall. Wer weiß wie viele unbekannte Van Goghs und Escher es gibt, die nur keiner als Kunst verstanden hat…

        Mit dem Handwerk finde ich spannend, weil ich viele Künstler kenne, die sich in so einen Zustand versetzen um Kunst als Prozessergebnis zu erhalten. Bei denen ist natürlich bereits handwerkliches Können vorhanden bzw. über die Jahre entstanden. Aber vielleicht braucht es das gar nicht, wie man an der Kinderkunst sieht? Vielleicht reicht der Flow-Zustand bereits aus?

        • Ja, eine gewisse Anerkennung bzw. „Verdächtigung“, dass es sich bei einem Werk um Kunst handelt, ist ohnehin fast immer vorhanden, und sei es zeitversetzt.

          Die Entscheidung, den bewussten Kunstanspruch auszuschalten, wie es schon die Surrealisten taten, indem sie automatisches Schreiben und Zeichnen praktizierten oder versuchten im Halbschlaf zu malen und so ihr Unterbewusstsein sprechen zu lassen, ist natürlich ebenfalls ein künstlerischer Plan. Die bewusste Vermeidung von Kunst kann auch Kunst sein bzw. produzieren.

          Kinderkunst ist natürlich immer ein Grenzfall, aber das meiste davon wird ja auch nicht wirklich als Kunst anerkannt bzw. diskutiert. Erst wenn es bewusst von Erwachsenen auf eine höhere Eben gestellt wird, indem diese Kunst fotografiert wird (wie in deinem Beispiel) oder ein Rahmen drum herum gemacht und in eine Galerie gehangen wird, beginnt ein Kunst-Diskurs.

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