Indische Beobachtungen 4 – Holy Shit, Bier und Telefonieren am Steuer

Indische Beobachtungen

Holy Shit

Dass Kühe in Indien heilig sind, dürften die meisten ja wissen: Sie laufen überall auf der Straße rum, verursachen Staus, knabbern gern mal die Waren von Straßenständen an und niemand tut ihnen was zuleide. Der Vater von meinem Farm-Host hatte zwei Kühe, doch sie waren schon alt und gaben keine Milch mehr. Trotzdem hat er sie weiter gefüttert und gepflegt, obwohl sie für ihn keinen direkten Nutzen hatten (außer als Abfallbeseitiger/fresser). Wenn sie noch älter werden, will er sie in einen Tempel geben: Jeder größere Tempel hat eigene Kühe, Tempel sind sozusagen eine Art Altersheim für Kühe. Stirbt eine Kuh, wird sie nicht etwa gegessen sondern begraben – wenn man sich das leisten kann. Viele Bauern sind arm und das Begraben einer Kuh wäre eine große Verschwendung, also werden sie entweder verkauft oder durch einen „Unfall“ getötet…

Was mir neu war, ist, dass sogar die Exkremente der Kühe heilig sind: Mein Farmhost zeigte mir einen alten Steinherd im Haus und erklärte mir, dass seine Frau diesen Herd regelmäßig mit Kuhdung einschmierte, da dies Bakterien fernhalten würde. Aus dem selben Grund wird auch der Boden vor dem Hauseingang wird oft mit Dung (vermischt mit Wasser) eingerieben – kurz gesagt, man macht mit (Kuh)Scheiße sauber. Auch der Urin ist heilig und gilt als gesund, es gibt viele Menschen, die ihn trinken, nachdem er gefiltert und gereinigt wurde. In dieser Form kann man ihn auch in Supermärkten kaufen (habe ich bisher aber noch nicht entdeckt).

Und natürlich gelten auch die normalen Kuh-Produkte wie Milch, Butter und Käse als heilig und gesund. Das führt (aus veganer Sicht) zu der paradoxen Situation, dass Kühe zwar nicht getötet werden, sie aber doch als Nutzvieh für Milch gehalten werden. Daher ist es in Indien zwar einfach, sich vegetarisch zu ernähren, als Veganer hingegen hat man es ziemlich schwer.

Es gibt übrigens in der indischen Oberschicht/gehobenen Mittelschicht (etwa in Mumbai) den wachsenden Trend, auch Rindfleisch zu essen. Ich vermute, dies ist ein Aufbegehren gegen den religiösen Konservatismus in Indien, ein Wunsch der jungen Generation, sich von ihren Eltern abzuheben. Für diese Theorie spricht auch folgendes Plakat, das ich in Panjim (Goa) gesehen habe:

Die "Campaign against Fanaticism" der Popular Front of Judäa- äh, India

Die „Campaign against Fanaticism“ der Popular Front of Judäa- äh, India


Bier

Ein indischer Reisegefährte fragte mich mal, ob ich auch Bier trinken würde. „Ja schon“, antwortete ich, „aber nicht jedes Bier.“ Ich begann ihm zu erklären, dass ich Weizenbiere und dunkle Biere mag, Pils hingegen gar nicht. Er guckte mich nur verwirrt an und begriff dann: „Ah, also es gibt mehrere Arten von Bier! Weißt du, hier in Indien sprechen wir einfach nur von ‚Bier‘.“

Bier und Alkohol im Allgemeinen haben in Indien keine so lange Tradition wie in Europa (was ich gar nicht mal so schlecht finde). Es ist verpönt, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken und viele Inder trinken überhaupt keinen Alkohol (oft aus religiösen Gründen). Es ist eher ein Trend unter Studenten, die sich am westlichen Lebensstil orientieren. Der unangefochtene Marktführer in Indien ist Kingfisher Bier, das man auch oft in indischen Restaurants in Deutschland bestellen kann. Es ist ein mildes Lager-Bier und schmeckt recht bekömmlich, aber nicht besonders aufgregend. Es hat wenig Bitterstoffe, wenig Malzgeschmack, dafür eine leicht süßliche Note. Insgesamt trinke ich aber wenig Bier in Indien, auch weil es relativ teuer ist.

Telefonieren am Steuer

Wir alle wissen: Telefonieren am Steuer ist gefährlich und wird dementsprechend von der Polizei geahndet; ich wurde in Deutschland mal von einem Polizisten angehalten, weil ich mit dem Fahrrad langsam auf dem Bürgersteig auf dem Radweg gefahren bin, und dabei eine SMS geschrieben habe.

Ich habe mir während meiner Reise so oft ausgemalt, wie sich deutsche Polizisten wohl fühlen würden, wenn sie eine Weile in Indien verbringen müssten – wahrscheinlich würden sie ununterbrochen einen Herzinfarkt bekommen.

Sehr viele Inder fahren mit Motorrädern oder Motorrollern, die einfach „Bike“ genannt werden (Fahrräder hingegen sieht man sehr selten). Bei meiner ersten Fahrt durch Chennai auf dem Rücksitz des Motorrads von meinem Couchsurfing-Host konnte ich die anderen Verkehrsteilnehmer auf zwei Rädern aus nächster Nähe beobachten: Viele Fahrer tragen keinen Helm und manchmal nehmen bis zu fünf Personen auf so einem Motorrad Platz, also ganze Familien mit kleinen Kindern – und natürlich hat allerhöchstens der Vater einen Helm auf, meist aber nicht mal der. Hier habe ich nicht nur überlegt, was dazu ein deutscher Polizist sagen würde, sondern auch ein deutsches Jugendamt, und – mit Blick auf den Zustand vieler Fahrzeuge – der deutsche TÜV. Aber wie ein anderer Couchsurfer mir später mal sagte: „Du musst hier dein europäisches Gehirn aus- und dein asiatisches Gehin einschalten!“

Meich Couchsurfer in Chennai trug immerhin einen Helm, doch später war ich auch mit einem Verwandten meines Farm-Hosts unterwegs, der keinen trug – der hätte ihn schließlich beim Telefonieren sehr behindert. Während wir fuhren (es war schon dunkel) griff er immer wieder zum Smartphone. Ich bat ihn, dass bitte zu lassen, wenn er fährt, aber er entgegnete, dass er nun mal viele Dinge organisieren müsse.

Niemand kümmert sich darum, auch nicht die Polizei, und obwohl mir etliche Inder bestätigt haben, dass es dauernd zu Unfällen kommt, scheint sich an dieser Praxis nichts zu ändern. Immerhin habe ich eines Tages im Fernsehen einen Cartoon für Kinder gesehen, die dieses Problem thematisiert hat: Eine Cartoonfigur fährt schnell Motorrad, beginnt zu telefonieren und baut einen Unfall, woraufhin die anderen Figuren darauf hinwiesen, wie gefährlich das sei. Ein kleiner Hoffnungsschimmer…

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