Da draußen hört dich niemand beten – Warum ich spiritueller Agnostiker bin

Da draußen hört dich niemand beten - Warum ich spiritueller Agonstiker bin

Warum mir Indien einige Illusionen über Spiritualität genommen hat, warum ich lieber fühle statt zu glauben, warum man die Natur nichts fragen sollte und warum Religion der Feind von Spiritualität ist

Ich habe während meiner dreimonatigen Indiereise über vieles nachgedacht: Über mich, über Indien, über Deutschland und natürlich über Religion und Spiritualität. Es war nicht mein Ziel, „in Indien Spiritualität zu finden“, so wie es das Klischee bei manchen Indienreisenden ist. Aber dennoch spielte das Thema immer eine Rolle, da Religion und Glaube hier so allgegenwärtig sind.

Ich schreibe diese Zeilen, während ich gerade in Rishikesh sitze und den jade-grünen Ganges vorbeifließen sehe, der hier noch ganz sauber und klar ist. Rishikesh gilt als Welthauptstadt des Yoga und ist ein zentraler Anlaufpunkt für alle, die nach spiritueller Erleuchtung suchen (nicht zuletzt die Beatles weilten hier 1968 für ein paar Wochen).

In Rishikesh könnte man schon auf den Gedanken kommen, der Ganges sei ein heiliger Fluss...

In Rishikesh könnte man schon auf den Gedanken kommen, der Ganges sei ein heiliger Fluss…

Es ist ein schöner, entspannter Ort, an dem man sicher die Ruhe findet, um zu meditieren und Spiritualität zu erfahren. Dennoch gibt es hier auch vieles, was mich stört: Ich sehe mit Skepsis auf all die vielen (meist weiblichen) Yoga-Schüler, die in den Ashrams von (meist männlichen) Gurus unterrichtet werden. Ich reagiere immer kritisch, wenn ich Menschen sehe, die nach irgendeinem charismatischen Meister oder Guru suchen, denen sie folgen können, oder Menschen, die sich einer bestimmten Denkschule (z.B. Kantianer) verschrieben haben und Ähnliches. Viele dieser Heiligen und Gurus in Rishikesh wirken auf mich wie ehrwürdige, weise aber patriarchische Vaterfiguren, denen man nur allzu gerne folgen mag. Tatsächlich gibt es unter ihnen viele Schwindler und Abzocker, die einem nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Ich will nicht alle von ihnen über einen Kamm scheren und auch die Ashrams sind sicher oft sehr inspirierende Orte, doch auch sie machen aus Spiritualität ein System. Ein System mit Ritualen, Theorien, Regeln, Glaubenssätzen, Ver- und Geboten, usw. Kurz: Religion.

Religion ist verkrustete Spiritualität

Ich würde der verbreiteten Ansicht widersprechen, dass Religion ein menschliches Grundbedürfnis ist – Spiritualität ist ein menschliches Grundbedürfnis, Religion ist dazu nicht nötig. Tatsächlich steht Religion Spiritualität oft sogar im Wege: Wer religiöse Rituale beobachtet hat und sie nur als automatisierte Exerzitien empfindet, bei denen es gar nicht um das innere Empfinden geht, wer sich an einen Pilgerort begeben hat und dort von den Massen frommer Religionstouristen überrollt wurde oder wer (wie einst Luther in Rom) sich in die zentralen Stätte seines Glaubens begibt, und von dessen hohler Oberflächlichkeit abgestoßen wurde, der kann schnell vom Glauben abfallen.

Diese eben geschilderten Situationen habe ich oft in Indien erlebt – meine Illusionen über den Hinduismus als lebendige, spirituelle Religion wurden mir gründlich genommen. Oft habe ich jene Stätten, die als besonders religiös galten, als die unspirituellsten Orte in Indien erlebt: Tempel, die wirken wie Basare, (schein)heilige Männer, die letzlich alle nur Geld wollen, endlos heruntergeleierte Gebete, das ständige Betteln um Spenden, etc. …

Sinnlichkeit statt Askese

Ich habe auf dieser Reise nicht wirklich Spiritualität gefunden, aber ich bin mir nun viel klarer über meine eigene Haltung zu Spiritualität und Religion geworden. Ich war bisher mein ganzes Leben ein völlig unreligiöser und unspiritueller Mensch gewesen (ersteres wird auch so bleiben), Religion war für mich in erster Linie aus soziologischer, historischer und geistesgeschichtlicher Sicht interessant.

Erst vor kurzem habe ich einen Zugang zu Spiritualität gefunden. Das liegt vielleicht daran, dass ich Spiritualität immer mit Askese, Stille und Vergeistigung assoziiert habe. Für mich jedoch ist Spiritualität immer etwas sinnliches und rauschhaftes, insbesondere durch Tanz und Musik oder Naturerfahrungen. Erst wenn die Sinne feiern, kann ich mich in andere Sphären begeben.

Bitte hört auf, Systeme und Theorien zu bauen

Ich würde nicht sagen, dass ich an etwas glaube. An etwas glauben heißt für mich, fest von der Richtigkeit von etwas überzeugt zu sein. In diesem Sinne glaube ich vor allem an Wissenschaft.

Spiritualität hingegen hat für mich nichts mit Glauben zu tun – für mich ist es reines Fühlen. Ich hatte immer ein Problem mit Religion und Esoterik, weil mir dessen verquaste Gedankengebäude und Theorien wie ein absurder Kropf vorkam, der die ganze Sache unnötig kompliziert macht: Man hat eine spirituelle Erfahrung, man fühlt etwas, was über den eigenen Verstand oder die eigene Erfahrung hinausgeht und versucht daraufhin sofort dies zu verstehen. Wann immer jemand versucht, seine mystischen und spirituellen Erfahrungen zu reflektieren, zu theoretisieren und darin einen tieferen Sinn zu finden, ist die Sache für mich persönlich gelaufen.

Es ist ein menschliche Grundbedürfnis, Kontexte herzustellen, egal, ob irgendwo Kontexte vorhanden sind oder nicht. Es macht Menschen einfach verrückt zu akzeptieren, dass es in der Natur nichts zu begreifen gibt und dass kein höherer Sinn hinter dieser Welt steckt.

Ein sinnloses Strömen

Die Momente, in denen ich Spiritualität spüre, hängen oft mit starken Naturerfahrungen zusammen – am Strand stehen und das Meer sehen, hören und spüren, große, alte Bäume berühren, vor mächtigen Wasserfällen stehen, Berge im Nebel betrachten, usw. … In diesen Momenten habe ich die Ahnung von etwas Erhabenen, Geheimnisvollen, das sich in der Welt verbirgt. Ich empfinde es als eine Art Energie oder Kraft der Natur. Doch ich versuche nie, darin einen intentionalen Geist mit einem Plan zu sehen, für mich ist es einfach nur eine Art von Energie, die manchmal schön, manchmal schrecklich ist, aber immer absurd und blind, ein gewaltiges, sinnloses Strömen.

Ein kleines Fußbad im Ganges - der Natur nahe zu sein hat für mich immer etwas Spirituelles

Ein kleines Fußbad im Ganges – der Natur nahe zu sein hat für mich immer etwas Spirituelles

Daher macht es keinen Sinn, an diese Energie irgendwelche Fragen zu richten, die dem menschlichen Geist entspringen, sie kann nicht hören und sie kann nicht antworten, sie reagiert nicht und man kann sie nicht beeinflussen. Man kann sie nur spüren – aber das ist bereits eine Menge.

Spiritualität braucht keine Metaphysik

Trotz dieser Ansicht bin ich übrigens kein Anhänger von Metaphysik, also der Vorstellung, dass hinter dieser sichtbaren Welt eine andere, wahrhaftigere Welt liegt. Dies ist wieder nur verquastes Theoretisieren und zudem eine Abwertung des realen Lebens und der körperlichen Sinnlichkeit. Eine klassisch religiöse Abwertung, die zu so viel menschlichem Leid geführt hat (Aksese, strikte Sexualmoral, Konzentration auf das Jenseits statt auf das Diesseits, …).

Metaphysik spaltet die Welt in zwei, aber für mich gibt es nur eine einzige Welt, alles was in ihr staffindet, ist real. „Everything is real“, lautet der Titel eines Songs von Sebastian Hardie. Dies gehört zu den Dingen, an die ich glaube. Man sollte an die realen Dinge glauben: Nicht Götter werden dir in Zeiten der Not beistehen, sondern andere Menschen. Und Antworten auf all deine Fragen wirst du dir nur selber geben können – indem du in dich hereinhorchst und heraufindest, was du wirklich willst.

Glaub nicht an Götter, glaub an dich selbst

Wenn mich früher jemand nach meiner Religion gefragt hat, habe ich meist gesagt, ich bin Agnostiker (ich glaube nicht an Gott, weil ich nicht weiß, ob es ihn gibt, aber ich kann nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt). Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, mich als spirituellen Agnostiker zu bezeichnen. Das ist mein derzeitiger Stand was das Thema Spiritualität und Religion angeht.

Mein Fazit lautet also: Spiritualität ist (für mich) eine Sache des Fühlens und nicht des Denkens und Sinnsuchens. Religion ist für Spiritualität nicht nötig und kann sie sogar verhindern. Ich habe kein Bedürfnis, irgendwelche Theorien um mein spirituelles Erleben herum zu bauen oder es in stumpfe Rituale zu gießen und damit abzutöten. Außerdem habe ich kein Bedürfnis, andere Menschen von dieser Ansicht zu überzeugen, denn sie ist meine ganz persönliche Herangehensweise an Spiritualität und funktioniert womöglich nur für mich allein. Ich möchte meinen Essay daher auch nicht als Pamphlet verstanden wissen, sondern einfach als eine Möglichkeit, meine Gedanken zu sortieren und meine Umwelt daran teilhaben zu lassen.

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