Mehrsprech – „Advertorial“

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Kurz-Definition: Advertorials oder Adverticles sind Texte in Print- oder Online-Medien, die wie redaktionelle Artikel aussehen, in Wahrheit aber Werbeanzeigen sind

Dem einen oder anderen ist es sicherlich schon mal passiert: Man schlägt in einer Zeitschrift eine Seite auf, beginnt loszulesen – und stellt plötzlich fest, dass man gar keinen redaktionellen Text liest, sondern eine Werbeanzeige, die sich von der Aufmachung der richtigen Artikel kaum unterscheidet. Nach ein bisschen Suchen hat man den kleinen Vermerk „Anzeige“ in einer Ecke gefunden – manchmal aber auch nicht. Das sollte allerdings das Mindeste sein, denn man hat es mit einem „Advertorial“ zu tun. Continue reading

Mehrsprech – „Gedankenvirus“

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Kurz-Definition: Gedanken-Viren sind Ideen, Ideologien und Vorstellungen, die uns krank machen oder unserer Gesellschaft schaden.

„Was kann ich schon tun“, „Verhütung ist etwas falsches“, „Nur wir haben die Wahrheit“, „Die Juden sind unser Unglück“ – was haben diese Gedanken, Glaubenssätze und Vorstellungen gemeinsam? Sie alle haben – mal im kleinen, mal im großen Ausmaß – zu viel menschlichem Leid geführt. Es sind eigentlich Gedanken, von denen wir uns trennen sollten, denn sie machen uns krank – wie Viren. Continue reading

Mehrsprech – „Verkehrswende“

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Kurz-Definition: „Verkehrswende“ meint die Änderung des Auto-zentrierten Verkehrswesens hin zu mehr ÖPNV, E-Mobilität, usw., sowie und eine Änderung des eigenen Mobilitätsverhaltens

Das Wort „Energiewende“ ist uns mittlerweile sehr geläufig. Meist stellt man sich dabei Dinge wie Windkrafträder und Solar-Panels vor, die grünen Strom für die heimische Steckdose produzieren. Es ist jedoch zu beobachten, dass beim Thema Energiewende selten über Verkehrspolitik geredet wird, obwohl der Verkehr für rund 20 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Es reicht eben nicht, nur Kohlekraftwerke durch Windräder zu ersetzen, auch eine Verkehrswende ist nötig. Continue reading

Mehrsprech – „Do-ocracy“

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Kurz-Definition: Do-ocracy ist die „Regierungsform“ selbstorganisierter Gruppen, die nach dem Credo „Wer macht, hat Recht“ agieren

Wer mit dem Wort „Anarchismus“ nur negative Dinge verbindet, wird sich wundern, wie oft er oder sie schon selbst anarchistisch war: Bei der Organisation von Geburtstagen, beim Leben in einer Wohngemeinschaft, beim Arbeiten an einem gemeinschaftlichen Projekt, … Wer in solchen Fällen die Initiative ergreift, sich freiwillig für Aufgaben meldet und „einfach mal macht“, der ist Teil einer „Do-ocracy“.

 Do-ocracy ist ein Kofferwort aus „Do“ und „Democracy“ und kann als die „Regierungsform“ für selbstorganisierte Gruppen und Prozesse mit flachen Hierarchien und wenig Bürokratie betrachtet werden. „Wer macht, hat Recht“ – die Macht geht von denen aus, die etwas von sich aus tun möchten, Aufgaben werden nicht delegiert, sondern einfach angenommen. Wenn man etwas macht, tut man dies nicht wegen des Lohns, sondern weil man Spaß daran hat, die Notwendigkeit dafür sieht und man soziale Anerkennung dafür erhält. Continue reading

Mehrsprech – „Liberal-Extremismus“

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Kurz-Definition: „Liberal-Extremismus“ bezeichnet radikale und antidemokratische Strömungen innerhalb des Liberalismus, die den Staat zu Gunsten der Märkte minimieren wollen.

Liberal“ ist ein schizophrener Begriff: Zum einen wird er klassisch als „freiheitlich“ verstanden (Stärkung des Individuums und der Bürgerrechte), zum anderen verbinden mittlerweile viele Menschen „liberal“ mit einer einseitigen Begünstigung und Deregulierung der Wirtschaft gegenüber dem Sozialwesen, der Bildung, der Umwelt und den Bürgerrechten. Für diese Verschiebung haben sich unter anderem Bezeichnungen wie Wirtschaftsliberalismus oder Neoliberalismus eingebürgert, doch ich finde, wir bräuchten eher einen Begriff, der allgemeiner und schärfer die Auswüchse wirtschaftsliberaler Politik und ihrer Gefahren einordnet.

Es macht daher Sinn von „Liberal-Extremismus“ zu sprechen, um klar zu machen, dass es nicht nur an den politischen Polen „rechts“ und „links“ extremistische Tendenzen geben kann, sondern auch im vermeintlich gemäßigten Liberalismus. Wenn wir uns die heutige Welt ansehen, in der große Unternehmen ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen können, deregulierte Finanzmärkte ganze Volkswirtschaften bedrohen und Wirtschaftsverbände stellenweise mehr Macht zu besitzen scheinen, als Staaten, müssen wir uns fragen, ob Liberal-Extremismus nicht mindestens genauso gefährlich ist, wie Rechts- oder Linksextremismus – wenn nicht sogar gefährlicher. Continue reading

Mehrsprech – „Abjekt“

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Kurz-Definition: „Abjekte“ sind Dinge, um die ein Grossteil der Menschen einen geistigen Bogen macht, weil sie unverständlich, fremdartig, unmöglich, angsteinflößend oder ekelerregend sind.

Namen für unangenehme Dinge zu finden, ist oft nicht leicht. Namen für etwas zu finden, um das alle geistig einen Bogen machen, ist noch schwerer. Zumindest gibt es einen Namen für dieses Phänomen an sich: Abjekt.

Im Gegensatz zum Objekt, das der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit ist, ist das Abjekt eine Art Leerstelle, mit der sich niemand beschäftigen will. Eingeführt wurde das Wort 1980 von der französischen Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva, die in ihrem Buch „Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection“ von „Abjektion“ (Verwerfung) sprach, um die Beziehung einer Person zu etwas Ekelerregenden zu beschreiben. Laut Kristeva diene die Abjektion, um sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren und so die psychische Grenzziehung zwischen dem „Selbst“ und dem „Anderen“ zu ermöglichen.   Continue reading

Mehrsprech – „Tiefer Staat“

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Kurz-Definition: Der „Tiefe Staat“ bezeichnet das intransparente und nicht demokratisch kontrollierte Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, in der die eigentliche Politik gemacht wird

„Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, lautet ein Sprichwort. Gemeint ist damit, dass sich unter der Oberfläche der Dinge oft mehr verbirgt, als darüber. So ähnlich sieht es auch in den Regierungsstrukturen vieler modernen Demokratien aus: An der Oberfläche haben wir gewählte Parlamente, die unseren Willen durchsetzen sollen, doch wesentlich größeres Gewicht besitzt der „Tiefe Staat“, der auf informeller Ebene agiert. Continue reading

Mehrsprech – „Mesoebene“

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Kurz-Definition: „Mesoebene“ benennt einen eigenständigen Bereich, der zwischen zwei Extremen liegt

Menschen neigen häufig dazu, in dualistischen Extremen zu denken: Gut/böse, hell/dunkel, wahr/falsch, usw. … Ein weiteres Begriffspaar dieser Art ist makro/mikro, bzw. Makroebene und Mikroebene, womit die Ebenen des sehr Großen und des sehr Kleinen gemeint sind. Ein Großteil unserer Wirklichkeit spielt sich jedoch nicht in Extremen ab, sondern in den Zwischenbereichen. Das, was zwischen Makro- und Mikroebene liegt, ist die Mesoebene (griech. „meso“ = „mittig“). Continue reading

Mehrsprech – „Cool War“

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Kurz-Definition: „Cool War“ beschreibt eine neue, diffuse Art von Krieg mittels Cyberattacken und Drohnen, der praktisch nie beendet ist

Wir alle kennen den „kalten Krieg“, der bis zum Fall der Mauer zwischen Ost- und Westblock herrschte: Zwei offen verfeindete Mächte, die sich dennoch keine militärischen Kämpfe (also einen „heißen Krieg“) lieferten, sondern sich durch Spionage, Sabotage und Propaganda gegenseitig mürbe machten.

Mittlerweile haben wir den kalten Krieg überwunden, aber in welchem Zustand ist unsere Welt nun? Von Frieden kann angesichts etlicher Konflikte mit globalen Auswirkungen nicht die Rede sein, offene Kriege zwischen Staaten herrschen aber ebenso wenig. Der amerikanische Autor David Rothkopf ist der Meinung, wie befänden uns derzeit in einem „Cool War“, in dem vor allem mit Cyberangriffen á la Stuxnet sowie mit Drohnen gekämpft wird. Als erster hatte Frederik Pohl den Begriff in seinem Science Fiction-Roman „The Cool War“ von 1981 verwendet: Das Buch erzählt davon, wie sich verschiedene Staaten wegen des Mangels an fossilen Brennstoffen mit Computer-Viren bekämpfen. Continue reading

Mehrsprech – Wörter als Werkzeuge

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Wie man per Sprache in die Zukunft reisen kann, warum wir neue Begriffe für namenslose Phänomene brauchen und wie man mit Wörtern Unsichtbares sichtbar macht

Ich hab da so ’ne Theorie: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Das Zitat stammt natürlich nicht von mir, sondern von Ludwig Wittgenstein, aber besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Und wie das nun mal so ist, wenn man irgendwo über kluge Zitate und treffende Aphorismen stolpert, man denkt sich: „Das muss ich mir unbedingt merken oder irgendwo aufschreiben!“ Immer wieder begegnen uns solche weisen, originellen und wichtigen Gedanken, die uns entscheidende Erkenntnisse und Einsichten über uns selbst und die Welt verraten. Oft genug bedarf es aber nicht einmal eines Satzes, sondern nur eines Wortes, um uns eine neue Erkenntnis oder – was noch entscheidender ist – einen neuen Namen für etwas geben, das wir zuvor nie ganz verstehen und benennen konnten. Wem schoss bei der Entdeckung eines solchen Wortes nicht schon einmal der Gedanke durch den Kopf: „Das habe ich schon so oft gedacht, aber mir fehlte immer ein Wort dafür!“ Continue reading