Mehrsprech – „Liberal-Extremismus“

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Kurz-Definition: „Liberal-Extremismus“ bezeichnet radikale und antidemokratische Strömungen innerhalb des Liberalismus, die den Staat zu Gunsten der Märkte minimieren wollen.

Liberal“ ist ein schizophrener Begriff: Zum einen wird er klassisch als „freiheitlich“ verstanden (Stärkung des Individuums und der Bürgerrechte), zum anderen verbinden mittlerweile viele Menschen „liberal“ mit einer einseitigen Begünstigung und Deregulierung der Wirtschaft gegenüber dem Sozialwesen, der Bildung, der Umwelt und den Bürgerrechten. Für diese Verschiebung haben sich unter anderem Bezeichnungen wie Wirtschaftsliberalismus oder Neoliberalismus eingebürgert, doch ich finde, wir bräuchten eher einen Begriff, der allgemeiner und schärfer die Auswüchse wirtschaftsliberaler Politik und ihrer Gefahren einordnet.

Es macht daher Sinn von „Liberal-Extremismus“ zu sprechen, um klar zu machen, dass es nicht nur an den politischen Polen „rechts“ und „links“ extremistische Tendenzen geben kann, sondern auch im vermeintlich gemäßigten Liberalismus. Wenn wir uns die heutige Welt ansehen, in der große Unternehmen ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen können, deregulierte Finanzmärkte ganze Volkswirtschaften bedrohen und Wirtschaftsverbände stellenweise mehr Macht zu besitzen scheinen, als Staaten, müssen wir uns fragen, ob Liberal-Extremismus nicht mindestens genauso gefährlich ist, wie Rechts- oder Linksextremismus – wenn nicht sogar gefährlicher. Continue reading

Mehrsprech – „Abjekt“

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Kurz-Definition: „Abjekte“ sind Dinge, um die ein Grossteil der Menschen einen geistigen Bogen macht, weil sie unverständlich, fremdartig, unmöglich, angsteinflößend oder ekelerregend sind.

Namen für unangenehme Dinge zu finden, ist oft nicht leicht. Namen für etwas zu finden, um das alle geistig einen Bogen machen, ist noch schwerer. Zumindest gibt es einen Namen für dieses Phänomen an sich: Abjekt.

Im Gegensatz zum Objekt, das der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit ist, ist das Abjekt eine Art Leerstelle, mit der sich niemand beschäftigen will. Eingeführt wurde das Wort 1980 von der französischen Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva, die in ihrem Buch „Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection“ von „Abjektion“ (Verwerfung) sprach, um die Beziehung einer Person zu etwas Ekelerregenden zu beschreiben. Laut Kristeva diene die Abjektion, um sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren und so die psychische Grenzziehung zwischen dem „Selbst“ und dem „Anderen“ zu ermöglichen.   Continue reading

Mehrsprech – „Tiefer Staat“

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Kurz-Definition: Der „Tiefe Staat“ bezeichnet das intransparente und nicht demokratisch kontrollierte Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, in der die eigentliche Politik gemacht wird

„Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, lautet ein Sprichwort. Gemeint ist damit, dass sich unter der Oberfläche der Dinge oft mehr verbirgt, als darüber. So ähnlich sieht es auch in den Regierungsstrukturen vieler modernen Demokratien aus: An der Oberfläche haben wir gewählte Parlamente, die unseren Willen durchsetzen sollen, doch wesentlich größeres Gewicht besitzt der „Tiefe Staat“, der auf informeller Ebene agiert. Continue reading

Mehrsprech – „Mesoebene“

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Kurz-Definition: „Mesoebene“ benennt einen eigenständigen Bereich, der zwischen zwei Extremen liegt

Menschen neigen häufig dazu, in dualistischen Extremen zu denken: Gut/böse, hell/dunkel, wahr/falsch, usw. … Ein weiteres Begriffspaar dieser Art ist makro/mikro, bzw. Makroebene und Mikroebene, womit die Ebenen des sehr Großen und des sehr Kleinen gemeint sind. Ein Großteil unserer Wirklichkeit spielt sich jedoch nicht in Extremen ab, sondern in den Zwischenbereichen. Das, was zwischen Makro- und Mikroebene liegt, ist die Mesoebene (griech. „meso“ = „mittig“). Continue reading

Mehrsprech – „Cool War“

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Kurz-Definition: „Cool War“ beschreibt eine neue, diffuse Art von Krieg mittels Cyberattacken und Drohnen, der praktisch nie beendet ist

Wir alle kennen den „kalten Krieg“, der bis zum Fall der Mauer zwischen Ost- und Westblock herrschte: Zwei offen verfeindete Mächte, die sich dennoch keine militärischen Kämpfe (also einen „heißen Krieg“) lieferten, sondern sich durch Spionage, Sabotage und Propaganda gegenseitig mürbe machten.

Mittlerweile haben wir den kalten Krieg überwunden, aber in welchem Zustand ist unsere Welt nun? Von Frieden kann angesichts etlicher Konflikte mit globalen Auswirkungen nicht die Rede sein, offene Kriege zwischen Staaten herrschen aber ebenso wenig. Der amerikanische Autor David Rothkopf ist der Meinung, wie befänden uns derzeit in einem „Cool War“, in dem vor allem mit Cyberangriffen á la Stuxnet sowie mit Drohnen gekämpft wird. Als erster hatte Frederik Pohl den Begriff in seinem Science Fiction-Roman „The Cool War“ von 1981 verwendet: Das Buch erzählt davon, wie sich verschiedene Staaten wegen des Mangels an fossilen Brennstoffen mit Computer-Viren bekämpfen. Continue reading

Mehrsprech – Wörter als Werkzeuge

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Wie man per Sprache in die Zukunft reisen kann, warum wir neue Begriffe für namenslose Phänomene brauchen und wie man mit Wörtern Unsichtbares sichtbar macht

Ich hab da so ’ne Theorie: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Das Zitat stammt natürlich nicht von mir, sondern von Ludwig Wittgenstein, aber besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Und wie das nun mal so ist, wenn man irgendwo über kluge Zitate und treffende Aphorismen stolpert, man denkt sich: „Das muss ich mir unbedingt merken oder irgendwo aufschreiben!“ Immer wieder begegnen uns solche weisen, originellen und wichtigen Gedanken, die uns entscheidende Erkenntnisse und Einsichten über uns selbst und die Welt verraten. Oft genug bedarf es aber nicht einmal eines Satzes, sondern nur eines Wortes, um uns eine neue Erkenntnis oder – was noch entscheidender ist – einen neuen Namen für etwas geben, das wir zuvor nie ganz verstehen und benennen konnten. Wem schoss bei der Entdeckung eines solchen Wortes nicht schon einmal der Gedanke durch den Kopf: „Das habe ich schon so oft gedacht, aber mir fehlte immer ein Wort dafür!“ Continue reading

Neusprech – Wie man ohne Argumente überzeugt

Neusprech – Wie man ohne Argumente überzeugt

Was sich hinter Wörtern wie „Finanzindustrie“ oder „grundrechtsschonend“ verbirgt, ab wann ein Wort eigentlich Neusprech ist und ob wir unsere eigenen Kampfbegriffe erfinden müssen.

Ich hab da so ’ne Theorie: Durch Sprache kann das politische Denken von Menschen manipuliert werden. Zugegeben, dass ist weder eine besonders neue noch besonders originelle Aussage, aber sie beschreibt im Wesentlichen das, was der Wort „Neusprech“ auszudrücken versucht. Da ich mich in meinen bisherigen Essays immer wieder auf diesen etwas ominösen Begriff bezogen habe, hielt ich es für angemessen, ihm einmal einen eigenen Blogpost zu widmen.

Arbeitsdefinition: „Neusprech“ ist ein vor allem im Umfeld von Netzaktivisten, Podcastern und Bloggern gebrauchter Begriff, der in abwertender Weise einzelne Wörter bis hin zu ganzen Rede-Strategien kritisiert, welche von Politikern, Lobbyisten oder Wirtschaftsvertretern verwendet werden, um für die Bevölkerung nachteilige Vorhaben oder Entscheidungen zu legitimieren oder als wünschenswert erscheinen zu lassen. Continue reading

Arbeitslosigkeit gibt es nicht

Warum man Erziehung als Urlaub betrachtet, wieso Hausarbeit weniger wert ist, als Schwarzarbeit, warum Freizeit Betrug ist und soziale Tätigkeiten „unproduktiv“ sind.

Ich hab da so ’ne Theorie: Wir haben ein schlechtes weil einseitiges Verhältnis zur Arbeit. Und damit meine ich nicht die normale Lohnarbeit, der man täglich acht Stunden nachgeht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nein, unser schlechtes Verhältnis besteht darin, dass wir viele Arbeits-Tätigkeiten gar nicht als Arbeit anerkennen. Arbeit wird in erster Linie über Lohnarbeit definiert, also über Bezahlung. Dinge wie Hausarbeit oder Ehrenamtliches Engagement gelten – juristisch wie in der allgemeinen Wahrnehmung – nicht als Arbeit, da sie nicht bezahlt werden. Gleichzeitig wird die Tätigkeit bspw. eines Finanzspekulanten durchaus als Arbeit verstanden, da sie ja Geld bringt. Dabei ist fraglich, inwiefern das wirkliche Arbeit ist, da hier nur aus Geld wieder Geld gemacht wird, es geschieht keine Wertschöpfung durch eigene Tätigkeit. Arbeit wird also in erster Linie als das betrachtet, was bezahlt wird, und erst in zweiter als das, was man tut.

Dazu möchte ich zunächst einmal den Gegenstand umreißen, um den es mir hier geht: Die enorme Fülle an unbezahlter Arbeit, ohne die diese Gesellschaft nicht funktionieren würde. Continue reading

Filesharer sind die besseren Fans

Warum es Raubkopien gar nicht gibt, warum wir nicht mehr zur CD zurückkönnen, warum Filesharer mehr Musik kaufen als andere und wie man mit Musik Geld verdient, ohne sie zu verkaufen.

Lasst uns über Musik reden…

Zum Thema Urheberrecht und Raubkopieren ist bereits viel im Netz geschrieben worden – viel Leidenschaftliches, manch Wütendes, wenig Konstruktives. Trotz der Fülle an Artikeln, Meinungen, Offenen Briefen, Pamphleten und Kommentaren habe ich mich dennoch dazu entschlossen, dem Diskurs ein weiteres Mosaiksteinchen hinzuzufügen, da es gewisse Dinge gibt, über die bislang zu wenig geschrieben worden ist (ja, das gibts). Und seien wir ehrlich: Ein Blog ohne einen noch so kleinen Text zu Urheberrecht und Co. macht den Leser ja schon fast misstrauisch.

Zu allererst ist mir eine Eingrenzung wichtig: Nach meiner Beobachtung wird die ganze Debatte nicht nur viel zu schrill, sondern vor allem viel zu breit und mit zu wenig Sachkenntnis geführt. Zeitungsverlage werden mit Musik-Labels und Film-Konzernen gleichgesetzt, es wird ungenau zwischen Urheberrecht, Verwertungsrecht und Copyright unterschieden, Privatkopie, Filesharing und Produktpiraterie wird in einen Topf geworfen. Besonders in einer Hinsicht ist mir Differenzierung wichtig, nämlich bei den verschiedenen Kultur-Bereichen, über die wir reden: Die Debatte um Musik-Downloads – um die es mir hier in erster Linie geht und mit der ich mich am meisten beschäftigt habe – muss anders geführt werden als etwa die über Film-Downloads oder gecrackte Software und Computerspiele. In jedem Fall reden wir über andere Nutzer-Zielgruppen, andere Vertriebswege, einen anderen Kulturbereich, über unterschiedlich komplexe Produktionswege, über verschieden starke Geldflüsse und über andere Machtverhältnisse zwischen Kreativen und Verwertern. Continue reading