Indische Beobachtungen 6 – Ameisen-Angriff, Buchläden, Sonne, Mond & Sterne

Indische Beobachtungen

Ameisen-Angriff

Auf meiner Farm zog ich immer meine Sandalen aus, bevor ich ins Haus ging, und ließ sie dann nachts einfach draußen stehen. Als ich einmal Morgens aus dem Haus ging und meine Schuhe anziehen wollte, blieb ich erschrocken stehen: Meine Sandalen waren über und über mit Hunderten von Ameisen bedeckt! Und nicht nur das, auf den Sandalen und rundherum waren bereits die Anfänge eines Ameisenhügels aus Sandkörnern zu erkennen. Als ich die Schuhe mit einem Stock vorsichtig anhob, sah ich, dass auch die Unterseite komplett mit Ameisen (und zwar Soldaten) bedeckt waren – sie hätten sie quasi wegtragen können.

Mein Host erklärte mir, dass dies selten passiere, wenn, dann aber richtig: „Manchmal zerstören die Ameisen die Schuhe richtig, weil sie lauter Löcher hineinbeißen.“ So weit ließ ich es natürlich nicht kommen: Nach ein paar Schwällen Wasser waren meine Schuhe wieder Ameisenfrei (sie kamen allerdings ein-zweimal wieder, nachdem ich die Sandalen ein paar Meter weggestellt hatte…).

Ameisen waren schon zuvor ein Ärgernis für mich: Im Garten haben sie mich ständig gebissen und auch in meinem Rucksack hatte ich schon mehrmals eine Ameisenplage. Das liegt daran, dass ich stets irgendwelchen Süßkram und Kekse mit mir rumtrage. Wenn ich den Rucksack im Haus stehen ließ (auch geschlossen) und eine der Kekspackungen nur ein einziges, winziges Loch hatte, führte sofort eine Ameisenstraße in meinen Rucksack (diese Ameisen waren viel kleiner als die, die meine Schuhe angegriffen haben). Continue reading

Mehrsprech – „Datenethik“

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Kurz-Definition: „Datenethik“ verdeutlicht komplementär zu „Datenschutz“ die Wichtigkeit der persönlichen Verantwortung für die eigenen Daten, abseits gesetzlicher Bestimmungen

Unsere persönlichen Daten sind ein kostbares Gut: An ihnen hängt unsere Identität, unsere Privatsphäre, unsere Meinungsfreiheit. Wer sie besitzt, kann uns verfolgen, profilen, unser Verhalten beeinflussen und Macht über uns ausüben. Dennoch wird Datenschutz noch immer von vielen Personen als unwichtig angesehen (siehe Post-Privacy-Spackeria) und von staatlicher Seite angegriffen (siehe den derzeitigen Versuch von CDU und SPD, die Vorratsdatenspeicherung einzuführen). Es reicht nicht mehr, nur über Datenschutz zu sprechen – wir brauchen eine „Datenethik“.

2011 veröffentlichte Benjamin Siggel von der Piratenpartei ein „Datenethisches Manifest“, das versuchte, mehrere Maximen zum Umgang mit den eigenen Daten im Internet und der Öffentlichkeit zu formulieren. Darin fanden sich unter anderem Grundsätze zur Datensparsamkeit, Versatzstücke der Hacker-Ethik („Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“) aber auch Grundsätze wie „Verzeihe, wo du nicht vergessen kannst“ – da sich heutzutage nicht immer verhindern lässt, dass private Daten öffentlich werden, und dies nur selten wieder rückgängig gemacht werden kann, müssen wir auch eine neue Form von Nachsichtigkeit gegenüber den Betroffenen erlernen. Continue reading

Das Kunst-Dreieck

Das Kunst-Dreieck

Warum Kunst nicht nur von Können kommt (sondern auch von Intention und Anerkennung), wer entscheidet, was Kunst ist, welchen Wert Vielfalt für Kunst besitzt und warum Hip Hop (trotz anderslautender Behauptungen) Musik ist.

Ich hatte vor kurzem eine recht lange Kunst/Musik-Diskussion auf Facebook: Auslöser war ein Hip Hop-Post meinerseits, worauf einer meiner Freunde kommentierte, nach seiner Definition sei diese Musikrichtung melodisch, harmonisch und rhythmisch so limitiert, dass Hip Hop für ihn per se keine Musik sei. Das führte natürlich bei mir und einigen anderen Freunden umgehend zu Schnappatmung, und es entbrannte eine lange Debatte über die Frage, ob Hip Hop Musik ist (rangiert auf dem gleichen Niveau wie die Frage: „Ist Wasser nass?“).

Nach dieser Verschwendung von kostbarer Lebenszeit beschäftigte mich die Diskussion dennoch weiter, denn im Kern ging es um die Frage, was für eine Definition von Musik/Kunst man eigentlich ansetzt, und wo man die Grenze zieht, was Kunst ist, und was nicht. Mir war es wichtig, meine Gedanken noch einmal sortieren und selbst zu verstehen, warum ich die Musik-Definition meines Freundes ignorant fand, denn mit einer Definition, die Hip Hop nicht als Musik anerkennt, stimmt meines Erachtens etwas nicht. Continue reading

Mehrsprech – „Massenkonstruktionswaffe“

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Kurz-Definition: Massenkonstruktionswaffen sind frei zugängliche Werkzeuge, die zur Bekämpfung von Konflikten und zur Schaffung von Frieden dienen

Wenn du das hier liest, bist du vermutlich gerade im Internet. Ein alltäglicher Vorgang. Doch bist du dir bewusst, was für ein mächtiges Werkzeug du mit dem Internet in Händen hältst? Nicht einfach nur ein Werkzeug – eine Waffe. Eine Massenkonstruktionswaffe (MKW).

2009 hatte die Redaktion des Wired Magazins Italien das Internet als Kandidat für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen: Es vernetze Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsgrad oder sozialer Schicht, und fördere Offenheit, Völkerverständigung, Demokratie und Frieden wie kaum eine andere Technologie bislang, so die Redaktion. Damit sei das Internet ein „soziales Werkzeug“ und die „größte soziale Schnittstelle“ in der Geschichte der Menschheit. Continue reading

Satire darf alles – aber was muss sie?

Satire darf alles - aber was muss sie

Warum Satire Anschläge nicht provoziert, sondern verhindert, warum wir zum Lachen verführt werden müssen und wann Satire Sinn macht und wann nicht.

Satire darf alles, ja, sie muss alles dürfen. Warum? Das zeigt ein aktuelles Beispiel aus Köln: Traditionell fahren beim Rosenmontags-Umzug Festwagen durch die Stadt, die mit ätzenden und satirischen Motiven Ereignisse der letzten Zeit kommentieren. So sollte auch ein Wagen mit Bezug auf die Anschläge auf die Redaktion des Pariser Satire-Magazins Charlie Hebdo Teil des Umzugs sein. Obwohl der Entwurf bereits im Internet abgestimmt worden war, entschied sich das Festkomitee etwa eine Woche vor Rosenmontag, den Wagen nicht fahren zu lassen. Begründung: Man sei zwar mit der Botschaft des Wagens einverstanden, wolle aber nicht „die Freiheit und leichte Art des Karnevals“ einschränken.

Dieser beschämende Fall von vorauseilender Feigheit ist aus gleich mehreren Gründen eine absolut unverständliche und gefährliche Entscheidung: Continue reading

Mehrsprech – „Heterotopie“

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Kurz-Definition: Heterotopien sind im Gegensatz zu Utopien bewusst unperfekte Gesellschaftsentwürfe, die nicht auf eine Patentlösung ausgerichtet sind, sondern eine Vielfalt an Lösungen parallel existieren lässt.

Der Begriff „Utopie“ hat heutzutage einen abwertenden Klang – zu recht: Utopien postulieren perfekte Gesellschaften, die eine Patentlösung für alle Probleme der Menschheit gefunden haben. Eine nicht nur naive sondern auch gefährliche Vorstellung: Nämlich dann wenn versucht wird, eine utopische Idee, die auf dem Papier funktioniert, gewaltsam in die Tat umzusetzen (siehe Sowjetunion).

Als Gegenbegriff zur positiv ausgerichteten Utopie gilt die pessimistische Dystopie, obwohl bei genauerer Betrachtung jede Utopie zwangläufig als Dystopie enden muss. Das eigentliche Gegenteil der Utopie ist daher die Heterotopie. Continue reading

Vitale Monotonie – Blackgaze und Post Black Metal

Vitale Monotonie – Blackgaze und Post Black Metal

Warum Black Metal-Bands die neuen Indie-Bands sind, wieso Monotonie etwas Herrliches sein kann und weshalb Black Metal, Postrock und Minimal Music immer mehr verschmelzen

Ich hab da so ’ne Theorie: Black Metal, Postrock und Minimal Music scheinen auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Musik-Richtungen zu sein, sind aber wie die Generationen einer Familie genetisch miteinander verbunden – durch die Monotonie. Es wird niemanden überraschen, dass ich ein großer Fan aller drei Genres bin. Umso mehr freue ich mich, dass seit einigen Jahren eine erstaunliche Symbiose ebendieser Genres stattfindet. Die Schlüsselwörter hierfür lauten: Blackgaze und Post Black Metal. Continue reading

Podcaster Porträt – Breitenbach und Dr. Köbel (Soziopod)

Podcaster-Porträt-Soziopod

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Der Soziopod hat einen etwas irreführenden Titel, denn auch wenn Soziologie ein elementarer Bezugspunkt für den Pädagogen Nils Köbel und den Digitalero Patrick Breitenbach darstellt, bezeichne ich den Soziopod konsequent als meinen Lieblings-Philosophie-Podcast. Der Soziopod ist mal wieder ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Podcast hervorragend dafür geeignet sind, hochkomplexe und abstrakte Themen wie Konstruktivismus, Subjekt-Begriff oder Kritische Theorie gut verständlich und spannend rüberzubringen. Vor allem Köbel merkt man an, dass er ein verdammt guter Pädagoge ist, und seine Vorlesungen müssen wirklich lohnend sein.

Soziopod ist bislang der einzige Podcast, der einen Grimme-Online-Award bekommen hat (warum CRE, Alternativlos, Staatsbürgerkunde und Hoaxilla noch keinen haben, weiß nur das Spaghetti-Monster…).

Mehrsprech – „Major Consensus Narrative“

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Kurz-Definition: Der Major Consensus Narrative ist das, was die Mehrheit der Gesellschaft für die Wahrheit über Ereignisse, Personen oder Sachverhalte hält – nicht immer übereinstimmend mit dem, was wirklich passiert ist

Eskimos haben 100 Wörter für Schnee, Ärzte schwören auf den hippokratischen Eid, Hexenverfolgungen waren ein Phänomen des Mittelalters – drei Ansichten, die in der Mehrheit der Bevölkerung weit verbreitet sind. Dass sie nicht stimmen, ist nicht so wichtig, denn dafür sind es einfach zu gute Geschichten, die hervorragend in unser Weltbild passen. Alle drei Geschichten sind Beispiele für den „Major Consensus Narrative“ (MCN), also der Narrativ bzw. die Geschichten, über die in der Mehrheit einer Gesellschaft Konsens darüber herrscht, dass sie wahr sind. Continue reading

Mehrsprech – „Abjekt“

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Kurz-Definition: „Abjekte“ sind Dinge, um die ein Grossteil der Menschen einen geistigen Bogen macht, weil sie unverständlich, fremdartig, unmöglich, angsteinflößend oder ekelerregend sind.

Namen für unangenehme Dinge zu finden, ist oft nicht leicht. Namen für etwas zu finden, um das alle geistig einen Bogen machen, ist noch schwerer. Zumindest gibt es einen Namen für dieses Phänomen an sich: Abjekt.

Im Gegensatz zum Objekt, das der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit ist, ist das Abjekt eine Art Leerstelle, mit der sich niemand beschäftigen will. Eingeführt wurde das Wort 1980 von der französischen Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva, die in ihrem Buch „Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection“ von „Abjektion“ (Verwerfung) sprach, um die Beziehung einer Person zu etwas Ekelerregenden zu beschreiben. Laut Kristeva diene die Abjektion, um sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren und so die psychische Grenzziehung zwischen dem „Selbst“ und dem „Anderen“ zu ermöglichen.   Continue reading