Ich will wieder Bock auf die Zukunft bekommen

Warum wir das Richtige aus den falschen Gründen tun sollten, welche neuen Klimarettungs-Geschichten wir bräuchten, und warum wir uns auf die Reise zur Erde begeben müssen.

Die Zukunft war mal etwas, wo man gerne hinwollte: Phantastische Städte, technische Wunderwerke, wissenschaftlicher Fortschritt, die Überwindung von Hunger, Krieg und Krankheit, eine friedliche, geeinte Welt. Von den 30ern bis in die 70er Jahre waren vor allem Science Fiction-Romane, -Comics und -Filme voller gleißender Zukunftsvisionen. Heute werden diese futuristischen Phantasien als naiv belächelt. Doch die Menschen waren damals zu Recht so fortschrittsgläubig, schließlich gab es genügend technische Möglichkeiten, um solch rosige Aussichten in die Realität umzusetzen.

Leider kam es anders, und heute schauen wir nicht mehr so euphorisch nach vorne. Um einen früheren Essay von 2012 zu zitieren:

„Science Fiction bedeutete früher einmal, von der Zukunft zu träumen, doch genau die macht uns seit mindestens zehn Jahren nur noch Angst. Die Science Fiction, die bereits in unserem Alltag angekommen ist, reicht uns schon: Überwachung wie in „1984“, ein von Großkonzernen kontrolliertes Internet wie in „Neuromancer“, Gentechnik wie in „Schöne neue Welt“, Kampfroboter wie in „Star Wars“. Irgendwie fällt es uns schwer zu glauben, die Zukunft könne durch Technik besser werden.“

Leider haben wir zu Recht Angst vor der Zukunft, vor allem wegen des Klimawandels. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen kein weit entferntes Horror-Szenario mehr ist, sondern dass wir mit Vollgas auf diese Wand zusteuern. Wenn wir die Kipppunkte überschreiten, große Teile der Erde durch Hitze oder Überflutung unbewohnbar werden und gigantische Migrationsbewegungen einsetzen, dann wird die Geschichte der Menschheit ein paar sehr hässliche Kapitel bekommen.

Natürlich will niemand diese Geschichte hören und es ist schon öfters zu Recht darauf hingewiesen worden, dass es der Rettung des Klimas nicht unbedingt hilft, wenn unentwegt sein Untergang heraufbeschworen wird. Engagement wird so möglicherweise eher gelähmt als gefördert.

Deshalb brauchen wir eine zweite Geschichte. Eine, die alle gerne hören wollen.

Sie könnte zum Beispiel so gehen:

Deutschland legt den Hebel um

„Im Jahr 2022 beschloss Deutschland für alle unerwartet ein überraschendes Projekt mit dem Namen ‚Umschalten 2035‘. Das Ziel: Bis 2035 klimaneutral werden, 15 Jahre früher, als in den ursprünglichen Klimazielen vereinbart. Die technischen Lösungen dafür lagen seit Jahrzehnten bereit, nun wurden sie gezielt und systematisch als Teile eines umfassenden Plans umgesetzt:

– massiver Ausbau von Windkraft

– Photovoltaik auf allen Dächern

– Bau von Power-to-Gas-Speichern

– Ausbau und Modernisierung des Schienenverkehrs

– Förderung von Elektro-Autos, ÖPNV und Fahrrad

– Wiedervernässung von Mooren

– Wiederaufforstung

– Ausbau von Geothermie

– Förderung von Baustoff-Alternativen zu Zement und Beton

– Stopp von Subventionen für fossile Energieträger

– Einführung eines wirksamen CO2-Preises

Mit seinem Reichtum und seinem großen technischen Know-How besaß Deutschland die idealen Voraussetzungen, um dieses Großprojekt zu verwirklichen. Eine Finanztransaktionssteuer und eine Erhöhung der Vermögenssteuer spülte weiteres, dringend benötigtes Geld in die Kassen. Anfangs noch von vielen skeptisch beäugt, begann ‚Umschalten 2035‘ schnell viele Anhänger*innen zu finden, als deutlich wurde, dass der Staat tatsächlich gewaltige Summen in die Hand nahm, um sein Stromnetz, seinen Verkehr und seine Wirtschaft umzubauen.

Die massiven Investitionen in neue Infrastruktur kurbelte den Arbeitsmarkt gewaltig an, eine regelrechte Goldgräberstimmung griff auf einmal um sich. Eine seit langem nicht mehr gespürte Euphorie ging durchs Land, immer mehr Menschen schüttelten die Resignation ab und wollten sich daran beteiligen, dass ‚Umschalten 2035‘ zu einem Erfolg würde – zu einer grünen Revolution, einem ökologischen Wirtschaftswunder, einer Reindustrialisierung ohne qualmende Schornsteine.

Die Ziele waren verlockend: Man hätte anders als in der fossilen Vergangenheit unendlich viel saubere Energie zur Verfügung, wäre unabhängig von russischem Gas oder amerikanischem Fracking, hätte lebenswertere Städte und die Gewissheit, gegenüber vielen anderen Staaten einen Standortvorteil für die Zukunft zu besitzen.

Technischer Fortschritt und die Bewahrung der Umwelt waren auf einmal keine Gegensätze mehr, sondern bedingten einander. Gleiches galt für die Wirtschaft, die dank technischer Innovationen neue Märkte erschloss. Zwischen Umweltschützer*innen, Wissenschaftler*innen, Techniker*innen und Unternehmer*innen begannen sich unerwartete Allianzen zu bilden. Ein neuer Konsens und das Gefühl, gemeinsam an etwas Großem zu arbeiten, elektrisierte die Gesellschaft.

Gleichzeitig zahlte sich ‚Umschalten 2035‘ für breite Teile der Bevölkerung aus, denn sie wurden an den neuen Windrädern, Photovoltaik-, Solarthermie- und Biogasanlagen beteiligt, was die Akzeptanz für das Projekt enorm steigerte.

Mitgerissen vom Elan Deutschlands (und auch ein bisschen neidisch) begannen viele Nachbarländer einen Wettlauf darum, wer die Klimaziele und damit den zukünftigen Wohlstand schneller erreichen konnte…“

Das Richtige aus den falschen Gründen tun

Ich weiß, das ist eine reichlich naive Geschichte. Aber darum geht es nicht – es geht nur darum, dass es eine schöne, eine spannende, eine vorstellbare Geschichte ist. Und ich habe ganz bewusst vieles ausgelassen: Es gibt keine moralischen Apelle und auch keine Warnung vor dem Untergang. Sie richtet sich nicht nur an jene, die ohnehin bereit sind, die Umwelt zu schützen, sondern an jene, die eher auf der „anderen Seite“ stehen. Das Handeln erfolgt nicht aus Angst und Not, sondern aus Lust auf die Zukunft.

Diese Lust auf die Zukunft setzt sich in meiner Geschichte aus einer Reihe ganz profaner und sogar fragwürdiger Interessen und Antriebe zusammen, die für verschiedene gesellschaftliche Gruppen verschieden wichtig sind: Unabhängigkeit vom Ausland, nationale Eitelkeiten („Deutsche Ingenieurskunst“), der Wunsch nach einem grüneren Lebensraum, der Ehrgeiz, im Wettbewerb der Länder der erste zu sein, der Wunsch nach unendlich viel Energie (endloses Wachstum), die schmeichelnde Vorstellung, ein beneidetes Vorbild für andere zu sein, …

All das sind egoistische Ziele und Wünsche, aber es sind leider wesentlich stärkere Antriebe als Ethik und Vernunft, die solche Ziele zwar immer begleiten müssen, aber nach unserer bisherigen Erfahrung nicht die alleinige Kraft haben, um wirklich entscheidende Veränderungen in der Geschwindigkeit auszulösen, die wir derzeit brauchen. Wir verfügen seit Jahrzehnten über das Wissen sowohl was die Gefahren des Klimawandels betrifft, als auch wie wir diese Gefahren bannen könnten. Beides hat nicht dazu geführt, dass die notwendigen Maßnahmen ergriffen wurden. Klimaschutz ist also kein technisches, sondern ein politisches Problem. Wie kann man politisches Handeln aktivieren, wenn Wissen und Fakten nicht ausreichen?

Die egoistischen Antriebe, die ich in meiner kleinen Geschichte genannt habe, sind keine besonders edlen Wünsche, aber es sind mächtige Wünsche. Eine Macht, die wir dringend brauchen, wenn wir unsere viel vernünftigeren aber ohnmächtigen Wünsche verwirklichen wollen. Lieber aus den falschen Gründen das Richtige tun, als aus den richtigen Gründen zu resignieren.

Keine Zeit für Katastrophen

Es heißt oft, die Menschheit würde nur aus Katastrophen lernen. Das stimmt natürlich nicht: Wir lernen auch ohne Katastrophen – allerdings viel langsamer. Schnelle Änderungen gibt es meist nur dann, wenn der Leidensdruck wirklich groß ist – also durch Katastrophen (und gelegentlich nicht mal dann).

Die Energiewende und der Klimaschutz sind solche Veränderungen, die schnell umgesetzt werden müssten. Den Bewusstseinswandel, der dazu nötig ist, sehe ich derzeit noch nicht. Idealerweise würde er so aussehen: Abkehr von der Wachstumsideologie, Hinwendung zu einem sozialen und ökologischen Miteinander, zu einem auf Nachhaltigkeit und Ausgleich ausgerichteten Gesellschaftsmodell, das irgendwann auch politisch umgesetzt wird.

Ich weiß nicht, was nötig ist, um solch einen Bewusstseinswandel herbeizuführen, aber ich schätze, dass er nicht vor dem Eintreten einer Klimakatastrophe entstehen wird.

Wenn die Menschheit innerhalb der kurzen Zeitspanne, in der wir die Energiewende und den nötigen Klimaschutz umsetzen müssten, nicht in der Lage ist, ein neues ökologisches Bewusstsein zu entwickeln, dann müssen wir es eben mit einem alten Bewusstsein versuchen und es für neue Ziele produktiv machen.

Endlich geht es um was

Ich selber hätte sehr viel Lust, Teil einer solchen Geschichte zu sein, allerdings weniger aus den oben genannten Gründen. Was mich vor allem begeistern würde, wäre die Vorstellung, an einem großen, sinnvollen Zukunftsprojekt zu arbeiten, das echte Veränderung verheißt, das sinnstiftend ist, bei dem es endlich mal um etwas geht. Ich bin ein politischer Mensch, ich sehe viele Probleme und ich liebe die Vorstellung, diese Probleme zu lösen und mich gesellschaftlich zu engagieren – aber gleichzeitig sehe ich wenige Möglichkeiten dazu, die mich wirklich begeistern. Ich glaube, vielen Menschen geht es ähnlich und sie wären ziemlich dankbar, wenn man ihnen ein etwas spannenderes Angebot zur Verbesserung der Welt machen würde, als den Müll zu trennen oder die Grünen zu wählen.

Ich glaube natürlich nicht, dass die Politik ein solches Projekt starten wird; denkbarer wäre eine zivilgesellschaftlich getriebene Bewegung mit Unterstützung von Wissenschaft und Technik-Unternehmen, die entsprechenden Druck auf die Entscheidungsträger*innen ausüben könnte. Mit Fridays For Future und Extinction Rebellion sind schon Ansätze vorhanden, die aber noch zu sehr auf das Warnen und Verhindern und zu wenig auf das Gestalten fixiert sind. Diese Initiativen, aber auch Umweltverbände oder NGOs müssten ausgearbeitete Pläne auf den Tisch legen, mit denen die Politik vorangetrieben werden kann. Vor allem aber müssten sie diese Pläne mit Geschichten verbinden, bei denen nicht die Botschaft „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“ im Vordergrund steht.

Die oben geschilderte Geschichte könnte eine Erzählung für Deutschland sein, in den USA könnte sie vielleicht mehr Richtung Hollywood gehen: Die Welt muss mal wieder gerettet werden, und wer könnte das besser als Amerika..? Alles, was man braucht, ist eine technische Wunderwaffe, grenzenlosen Optimismus und einen Helden mit Grips… Auch für China, Indien oder Afrika ließen sich solche Geschichten finden, man muss nur anfangen, sie zu erzählen, in Büchern, in Filmen, in Comics, auf Hauspartys, im Internet, …

Die Reise zur Erde

Eigentlich müssten solche Geschichten in den USA, dem Mutterland der Science Fiction und des Fortschrittsglaubens, besonders fruchtbar sein. Doch gerade die USA enttäuschen mich in dieser Hinsicht, wenn ich auf die Zukunftsvisionen des Silicon Valley schaue, wo man sich retrofuturistischen Träumen von der Reise zum Mars oder der Erlangung von Unsterblichkeit hingibt. Hier werden die Träume von gestern geträumt – was nutzt mir Unsterblichkeit auf einer sterbenden Erde? Was nutzt mir die Reise zum Mars, wenn ich nicht zurückkehren kann? Wie sollen wir den Mars terraformen, wenn wir nicht mal die Erde terraformen können (jedenfalls nicht zum Guten)?

In den 60er Jahren wurden die USA und die Sowjetunion von einem kühnen Ziel elektrisiert: Die Eroberung des Weltraums. Beide Seiten erbrachten enorme technische Leistungen und tätigten gewaltige Investitionen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und Bürger*innen fieberten gleichermaßen mit, wer das Space Race gewinnen würde. Auch ihre Motive waren nicht wirklich edel, es ging ganz chauvinistisch darum, zu zeigen, dass der Kapitalismus dem Kommunismus überlegen war (und umgekehrt) und um einen militärischen Vorteil zu erlangen. Trotz dieser „falschen“ Motive hat das Space Race nicht nur viele technische und wissenschaftliche Innovationen befeuert, sondern uns auch von der Zukunft als einen Ort denken lassen, wo man gerne hinwollte.

Der Höhepunkt dieses Wettlaufs ins All war die Reise zum Mond. Und heute? Wir brauchen ein neues Space Race, eine neue Geschichte, ein Climate Race sozusagen. Und dessen Ziel kann nur eines sein: Die Erde.

Nachtrag vom 18.4.2021:

Ich habe gerade die großartige erste Folge des Podcasts „Die neuen Zwanziger“ gehört, bei der mir in Bezug auf meinen Text zwei Punkte aufgefallen sind:

Einmal geht es um ein Gespräch zwischen Yuval Noah Harari und Christine Lagarde, bei dem Harari sagt: „Ich habe immer wieder gesagt, dass Ökonomen eigentlich die besten Geschichtenerzähler sind, denn sie erzählen Geschichten, an die alle glauben.“ Eine von Hararis Thesen, warum der Mensch gegenüber anderen Tieren so mächtig geworden ist, ist unter anderem seine Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die es nicht gibt (Gott, Nationen, Geld, Kommunismus, usw.) und dass viele Menschen, die an die gleiche Fiktion glauben, enorm mächtig sind, da sie über alle Grenzen hinweg miteinander kooperieren können. Darin liegt die große Macht von Geschichten, und wir sollten uns fragen, warum so viele Menschen an die Geschichten der Ökonomen glauben und wie wir das für die Ökologie nutzen könnten.

An einer späteren Stelle des Podcasts geht es um genau so eine Geschichte, nämlich den Green Deal von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: In ihrer Rede betont sie, dass Kohle und Stahl und damit die Industrialisierung ein Ursprung des modernen Europas gewesen seien. Podcaster Stefan Schulz überlegt nun, ob von der Leyen mit dem Green Deal einen neuen Gründungsmythos für das Europa der Zukunft schaffen könnte, der sich nicht auf „Kohle und Stahl“ sondern auf „Wind und Holz“ gründet. Dieses Bild finde ich sehr gut, das sind genau die Zutaten, die die Geschichten einer Reindustrialisierung ohne qualmende Schornsteine braucht.

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