Indische Beobachtungen 6 – Ameisen-Angriff, Buchläden, Sonne, Mond & Sterne

Indische Beobachtungen

Ameisen-Angriff

Auf meiner Farm zog ich immer meine Sandalen aus, bevor ich ins Haus ging, und ließ sie dann nachts einfach draußen stehen. Als ich einmal Morgens aus dem Haus ging und meine Schuhe anziehen wollte, blieb ich erschrocken stehen: Meine Sandalen waren über und über mit Hunderten von Ameisen bedeckt! Und nicht nur das, auf den Sandalen und rundherum waren bereits die Anfänge eines Ameisenhügels aus Sandkörnern zu erkennen. Als ich die Schuhe mit einem Stock vorsichtig anhob, sah ich, dass auch die Unterseite komplett mit Ameisen (und zwar Soldaten) bedeckt waren – sie hätten sie quasi wegtragen können.

Mein Host erklärte mir, dass dies selten passiere, wenn, dann aber richtig: „Manchmal zerstören die Ameisen die Schuhe richtig, weil sie lauter Löcher hineinbeißen.“ So weit ließ ich es natürlich nicht kommen: Nach ein paar Schwällen Wasser waren meine Schuhe wieder Ameisenfrei (sie kamen allerdings ein-zweimal wieder, nachdem ich die Sandalen ein paar Meter weggestellt hatte…).

Ameisen waren schon zuvor ein Ärgernis für mich: Im Garten haben sie mich ständig gebissen und auch in meinem Rucksack hatte ich schon mehrmals eine Ameisenplage. Das liegt daran, dass ich stets irgendwelchen Süßkram und Kekse mit mir rumtrage. Wenn ich den Rucksack im Haus stehen ließ (auch geschlossen) und eine der Kekspackungen nur ein einziges, winziges Loch hatte, führte sofort eine Ameisenstraße in meinen Rucksack (diese Ameisen waren viel kleiner als die, die meine Schuhe angegriffen haben).

Leider ist das immer wieder passiert, weil ich ab und zu vergas, dass ich noch was zu Essen im Rucksack hatte. Das einzige, was dagegen half, war, den Süßkram in eine verschließbare Dose zu packen und die dann in eine Schüssel mit Wasser zu stellen. Auch über meinen Laptop und meine Tastatur sind immer wieder Ameisen gekrabbelt, ich hoffe nur, dass sie nicht in irgendwelche Elektronik eingedrungen sind. Scheißviecher.

Buchläden

Egal wohin ich reise, egal welche Städte ich besuche: An Buchläden kann ich einfach nicht vorbei gehen. Leider musste ich nach und nach feststellen, dass man es als Bücherwurm in Indien nicht ganz leicht hat: Während auf den großen Basaren und Straßenmärkten wirklich alles vom Fußabtreter bis zur Shiva-Statue verscherbelt wird, gehören gedruckte Erzeugnisse weniger dazu.

Häufig findet man alle Läden einer Branche auf einem Fleck: Wenn z.B. ein Laden Lautsprecherboxen verkauft und repariert, dann sind direkt daneben mindestens fünf andere, die ebenfalls Lausprecherboxen verkaufen und reparieren (so gesehen in Varanasi). Das lässt sich auf beinahe jede Branche und jede angebotene Dienstleistung anwenden: Wenn ein Laden da ist, sind daneben fünf andere, die exakt dasselbe machen und sich auch optisch nur kaum voneinander unterscheiden. Fünf Buchläden nebeneinander wird man in Indien allerdings so gut wie nie finden (eine Ausnahme ist übrigens die berühmte College Street in Kolkata: Hier gibt es grob geschätzt über 10 000 Buchhandlungen).

Den klassischen Buchladen, wie ihn man in Deutschland dank Buchpreisbindung kennt, gibt es hier äußerst selten. Meistens sieht ein Buchladen in Indien eher so aus:

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Typisch indischer „Buchladen“ in Jodhpur

Es sind meist Mischungen aus Schreibwarenhandlungen und Buchläden. Belletristik findet man dort so gut wie kaum: Es überwiegt religiöse Literatur, Sachbücher und Nachschlagewerke, oft auch Biographien und irgendwelche Manager-Ratgeber. Da findet man dann zum Beispiel Bücher wie dieses hier:

Gesehen in einem (muslimisch geführten) Buchladen in Vadodara

Gesehen in einem (muslimisch geführten) Buchladen in Vadodara

Einfach so in den Regalen stöbern kann man in vielen dieser „Buchhandlungen“ nicht: Wie bei anderen Straßenläden auch handelt es sich meistens um sehr kleine Räume, in denen die Besitzer (oft mit ihrer Familie) den ganzen Tag sitzen und auf Anfrage diesen oder jenen Artikel herausgeben.

Dann gibt es aber noch etwas, was man als „Backpacker-Antiquariate“ bezeichnen kann: In so gut wie jeder Stadt, die etwas mehr touristischen Zulauf hat, gibt es mindestens einen kleinen Laden, wo all die ausgelesenen und zurückgelassenen Taschenbücher der Reisenden ihre vorläufige Lagerstatt finden. Oft sind diese Läden gerade mal so groß wie eine Abstellkammer (so gesehen z.B. in Mamallapuram, Gokarna, Vagator und Bodhgaya – von letzterem unten ein Foto), wo sich die zerlesenen Schmöker bis unter die Decke stapeln. Für gewöhnlich gibt es dann ein großes Regal mit englischen Büchern, gefolgt von vielen weiteren Sprachen, auch deutsche Bücher sind immer in großer Zahl vorhanden.

Typisches "Backpacker-Antiquariat" in Bodhgaya

Typisches „Backpacker-Antiquariat“ in Bodhgaya

Leider handelt es sich dabei meist um typische Bestseller ala Dan Brown sowie unzählige Lonely Planet-Bücher in allen Sprachen. Dennoch: Ich liebe solche Second-Hand-Buchläden und hab deshalb immer wieder in ihnen gestöbert. Hin und wieder war auch was Brauchbares dabei, gekauft habe ich bislang aber nie was. Bemerkenswert finde ich dabei, dass solche Buchläden in Indien so einen Seltenheitswert zu haben scheinen, dass sie im Reiseführer für fast jede Stadt wie eine Sehenswürdigkeit ausgewiesen werden.

Dass es um Indiens Buchläden so mau bestellt ist, hängt mit Sicherheit mit der geringen Alphabetisierung-Quote zusammen: Die liegt im Landesdurchschnitt zwar schon bei 74 Prozent (Stand 2011), aber natürlich war sie früher noch viel niedriger, weshalb sich wohl nie ein richtiges Buchhandlungswesen etablieren konnte. Das wird wohl auch nicht mehr geschehen, denn wer wirklich eine große Bücher-Auswahl haben möchte geht natürlich (wie in Europa) ins Internet zu Amazon & Co.

Tja, und dann gibt es noch diese Sorte „Buchhandlung“:

Buchverkäufer am großen Kashmere Gate-Busbahnhof in Delhi

Buchverkäufer am großen Kashmere Gate-Busbahnhof in Delhi

Wie schon erwähnt, laufen speziell an Bahnhöfen und in Zügen alle möglichen Verkäufer mit Wasserflaschen, Tee, Essen, Zeitungen, Schlüsseln und anderem Tinnef herum. Daher ist es wohl nur konsequent, das auch mit Büchern zu machen…

Sonne Mond und Sterne

Zum Abschluss diesmal eine etwas persönlichere Betrachtung: Ich reise ja alleine durch Indien, und es ist das erste Mal, dass ich für eine so lange Zeit ohne Freunde und Familie reise. Dementsprechend habe ich mich in Indien öfters einsam und entfremdet gefühlt, wenn ich durch mir völlig unbekannte Städte eines gänzlich andersartigen Kulturkreises mit einer mir unverständlichen Sprache gelaufen bin. Ich habe mich so weit entfernt von Zuhause und von allem Bekannten gefühlt, wie es nur geht.

Als ich einmal abends durch Mumbai spaziert bin, hatte ich auch dieses Gefühl. Irgendwann schaute ich zufällig zum Himmel und sah dort den Mond. Ich war ganz erstaunt, dass er (logischerweise) genauso aussah, wie wenn man ihn von Mitteleuropa aus betrachtet. Doch diese banale Erkenntnis bereitete mir ein sehr positives Gefühl: Ich begriff, dass ich nicht völlig weit entfernt von allem mir Bekannten war, sondern dass ich auf genau demselben Planeten war, wie zuvor auch. Dieser Gedanke hatte etwas ungemein Tröstendes und ließ in meinem Kopf die Entfernungen zwischen Indien und Europa etwas schrumpfen. Einen ähnlichen Effekt hatte ich einmal auch, als ich nachts zufällig ein mir bekanntes Sternbild am Himmel wiedererkannte.

Dieser Gedanke der „Einen Welt“, den ich durch die Reflektion ins Weltall erhalten hatte, faszinierte mich sehr: Mir wurde klar, was für eine völkerverbindene Tätigkeit die Beschäftigung mit dem Himmel und dem Weltall war (unabhängig von Raumfahrt), denn jeder Mensch auf der Welt sieht den Mond und die Sterne gleich. Den Mond und die Sterne zu betrachten ist eine Urerfahrung, die wir alle miteinander teilen.

Erneut musste ich daran denken, als ich einmal eine nächtliche Busfahrt durch Rajasthan machte und dann in den Morgenstunden die Sonne aufgehen sah: Eine glühende Bronzescheibe, die wie ein Zeichen über der Steppenlandschaft stand, unerklärlich und zugleich keiner Erklärung bedürftig. Die Sonne wirkte in diesem Moment so mythisch auf mich, dass ich gut verstehen konnte, warum sie früher (und heute) als Gott und Lebensquell verehrt und angebet wurde, in allen Kulturen, in allen Teilen der Welt. Die Sonne zu sehen und zu spüren ist ebenfalls eine mächtige Urerfahrung der Menschheit.

Diese Gedanken erwiesen sich als sehr fruchtbar für mich, denn sie gaben mir in der Ferne plötzlich ein ganz anderes Gefühl von Indien und den Menschen dort, die mir so fremd waren, die eine gänzlich andere Religion und Kultur hatten und die nicht meine Sprache sprachen. Ich glaube, ich begriff (emotional), dass ich etwas ganz Starkes mit all ihnen gemeinsam hatte: Wir waren alle Menschen, die auf dieser Erde leben, und alle kulturellen Unterschiede, wegen denen wir uns so viele Probleme bereiten, sind nur unwichtige Oberflächlichkeiten, unter der die tieferen Erfahrungen liegen, die wir alle teilen und die uns alle zu Gleichen machen.

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