Arbeitslosigkeit gibt es nicht

Warum man Erziehung als Urlaub betrachtet, wieso Hausarbeit weniger wert ist, als Schwarzarbeit, warum Freizeit Betrug ist und soziale Tätigkeiten „unproduktiv“ sind.

Ich hab da so ’ne Theorie: Wir haben ein schlechtes weil einseitiges Verhältnis zur Arbeit. Und damit meine ich nicht die normale Lohnarbeit, der man täglich acht Stunden nachgeht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nein, unser schlechtes Verhältnis besteht darin, dass wir viele Arbeits-Tätigkeiten gar nicht als Arbeit anerkennen. Arbeit wird in erster Linie über Lohnarbeit definiert, also über Bezahlung. Dinge wie Hausarbeit oder Ehrenamtliches Engagement gelten – juristisch wie in der allgemeinen Wahrnehmung – nicht als Arbeit, da sie nicht bezahlt werden. Gleichzeitig wird die Tätigkeit bspw. eines Finanzspekulanten durchaus als Arbeit verstanden, da sie ja Geld bringt. Dabei ist fraglich, inwiefern das wirkliche Arbeit ist, da hier nur aus Geld wieder Geld gemacht wird, es geschieht keine Wertschöpfung durch eigene Tätigkeit. Arbeit wird also in erster Linie als das betrachtet, was bezahlt wird, und erst in zweiter als das, was man tut.

Dazu möchte ich zunächst einmal den Gegenstand umreißen, um den es mir hier geht: Die enorme Fülle an unbezahlter Arbeit, ohne die diese Gesellschaft nicht funktionieren würde.

Praktische Hausarbeit und Subsistenzwirtschaft – Das erstere dürfte uns allen wohl bekannt sein: In der eigenen Wohnung oder gar dem eigenen Haus mit Garten gibt es regelmäßig notwendige Tätigkeiten: Kochen, Einkaufen, Putzen, Abfälle entsorgen, Waschen, Reparaturen, Nähen, Kabel verlegen, Malern, Rasenmähen, Pflanzen gießen, Schnee wegräumen, … Das zweite ist hierzulande eher unbekannt und meint soviel wie Selbstversorgung, also zum Beispiel das Pflanzen von eigenem Gemüse oder die Herstellung von Haushaltsgegenständen (siehe Do It Yourself). Ist in vielen Ländern eine schiere Notwendigkeit, wird aber auch in Deutschland langsam zum Trend innerhalb eines alternativen Personenkreises (auch in Form von Urban Gardening).

Soziale Familienarbeit – Jungen Eltern muss ich sicher nicht erzählen, dass Erziehung und Beschäftigung mit Kindern Arbeit ist, so erfüllend und schön sie ja oft ist. Gerade die Arbeit mit kleinen Kindern kann erheblich stressiger sein als manche Lohnarbeit. Aber auch mit älteren Kindern hat man nicht wenig zu tun, auch um ihre Probleme, Verpflegung, ärztliche Versorgung, Kleidung, Teilnahme an Sport und Freizeit-Angeboten und die Kommunikation mit der Schule muss man sich kümmern. Dazu kommt, dass man als Vater, Mutter oder ältere Geschwister auch immer in der Rolle des Lehrers ist, sprich, man muss den Jüngeren Hausarbeit, Selbstorganisation, soziale Konzepte und Verhaltensweisen beibringen. Und auch wenn man Kinder und eventuell noch Haustiere weglässt, bleiben noch immer Verwandte und Freundeskreis, die besucht werden wollen, mit denen man Ausflüge macht, Feste oder Urlaube plant. Familienarbeit hat zwar meist wenig mit handwerklichem Können zu tun – auch wenn es natürlich etliche Überschneidungen mit Hausarbeit gibt – dafür braucht man psychosoziale, kommunikative und logistische Fähigkeiten und natürlich sehr viel Zeit.

Behördenarbeit – Ist der Familienarbeit sehr ähnlich, nur das Kräfteverhältnis hier umgekehrt ist: Als Erwachsener ist man in Auseinandersetzung mit Behörden, Versicherungen, Banken, Strom-, Telefon- und Internetanbietern und anderen Verwaltern unserer Existenz hineingeworfen in eine rätselhafte, technokratische Welt voller unerbittlicher Machtmechanismen. Abrechnungen erledigen, Belege abheften, die Steuererklärung machen, Verträge studieren, … Prinzipiell gehört Behördenarbeit zur Hausarbeit, da sie dem wirtschaftlichen Erhalt dient, hat aber vor allem viel mit dem Bereich Lernen (siehe unten) zu tun, da man sich nicht selten echtes Expertenwissen aneignen muss.

Ehrenamt – Ehrenamtlich tätig zu sein heißt, freiwillig etwas für das Gemeinwohl zu tun, ohne dafür bezahlt zu werden. Das Arbeitspektrum ist vielfältig: Pflege und Betreuung von Alten und Kindern, Spenden sammeln für einen gemeinnützigen Förderverein, Mitarbeit von Eltern in der Schule ihrer Kinder, usw. … Etwa ein Drittel der Deutschen sind ehrenamtlich tätig und die Politik wird nicht müde zu betonen, dass sie deren Arbeit sehr schätzt – kein Wunder, ohne sie würden ganze soziale und kulturelle Bereiche schlicht nicht existieren.

Ehrenamt ist natürlich Neusprech: Auf den ersten Blick wirkt der Begriff sehr positiv, Worte wie „ehrwürdig“ oder „ehrenhaft“ kommen einem in den Sinn. Genauer betrachtet hat „Ehrenamt“ allerdings den Nachteil, dass es eine sehr passive, beinahe verstaubte Bezeichnung für etwas eigentlich sehr Aktives ist. So unterschlägt der Begriff das Aktive und Engagierte, den Willen zum Verbessern, Pflegen und Helfen, und hinterlässt eher die Assoziation einer Mitgliedskarte im Heimatverein. Schlimmer noch, das Wort erinnert stark an Auszeichnungen wie „Ehrenvorsitzender“, eine Bezeichnung für meist ältere Personen, die nicht mehr wirklich mitmachen, aber auf dem Papier noch einen Ehrenplatz haben. Das gibt dem Ehrenamt in meinen Augen oft den Anstrich, eine Sache für Pensionäre zu sein. Ein alternativer Begriff wäre übrigens „Bürgerarbeit“, der gleichzeitig seriös und aktiv klingt.

Lernen – Lernen ist eigentlich eine Meta-Tätigkeit, man braucht sie auch in allen anderen aufgezählten Bereichen sowie natürlich in der Lohnarbeit. Gerade für letztere muss man oft in seiner Freizeit neue Fähigkeiten erlernen oder alte ausbauen: Sprachen erlernen, Computerkurse absolvieren, den Führerschein machen, Erwerb von handwerklichen Fähigkeiten, usw. …

Third Space und Hobby – Hier tut sich ein sehr breites Feld mit sehr verschiedenen Tätigkeiten auf. Zunächst zur Unterscheidung: Das gute alte Hobby kennen wir alle, ich definiere es hier in der „Hobbykeller“-Version, sprich: Man werkelt größtenteils für sich selbst an der Modelleisenbahn, vergrößert und pflegt eine Sammlung oder schreibt Romane. Das Konzept von Third Space ist etwas komplexer: Der Name leitet sich aus der Vorstellung von dem Zuhause als First Space und dem Arbeitsplatz als Second Space ab, zwischen denen man einen mehr oder weniger öffentlichen Ort hat, an dem man sich mit Gleichgesinnten – die nicht zur Familie oder zur Verwandtschaft gehören – trifft, um mit ihnen Projekte zu realisieren, sich zu unterhalten oder eine Runde Poker zu spielen. Third Space ist also ähnlich wie das Hobby, hat aber eine starke soziale Komponente. Es ist zwar nicht zwingend, aber Third Spaces können immer eine Arbeits-Komponente haben, so wie das bei vielen Vereinen, offenen Werkstätten, FabLabs oder Hackerspaces der Fall ist. Die dort betriebenen Projekte können genau wie beim Hobby sehr unterschiedlich sein: Roboter konstruieren, ein Bett schreinern, Bäume neu pflanzen, … Ach ja, außerdem können Third Spaces auch virtuell sein, zum Beispiel Foren und soziale Netzwerke.

All das ist Arbeit. In alle Bereiche muss Lebenszeit hineingesteckt werden – welche den Grundwert von Arbeit ausmacht – überall muss man Probleme lösen, organisieren, kommunizieren und verwalten können. Da unser soziales und häusliches Leben funktionieren muss, damit wir und die Menschen um uns herum gute Loharbeit leisten und konsumieren können, gibt es keinen Grund, diese Arbeit gering zu schätzen. Ich würde vorschlagen, alle sechs aufgezählten Bereiche, die meist schnöde unter dem Schlagwort „Freizeit“ verbucht werden, als „Lebensarbeit“ zu bezeichnen. Freizeit ist die Zeit, die zur freien Gestaltung verfügbar ist – das trifft auf einen Großteil der so genannten Freizeit nicht zu. Es ist ein irreführender Begriff, da bereits ein erheblicher Teil der Zeit, die uns außerhalb des bezahlten Arbeitens und Schlafens zur Verfügung steht, mit Arbeit besetzt ist – mit Lebensarbeit.

Was man nicht messen kann, ist nichts wert

Welchen wirtschaftlichen Wert Lebensarbeit hat, lässt sich nicht genau sagen. Ehrenamtler erwirtschaften pro Jahr etwa 75 Milliarden Euro, laut Schätzungen macht allein Haus- und Familienarbeit etwa ein Drittel des Sozialprodukts moderner Industriegesellschaften aus. Frauen sind in Deutschland durchschnittlich 35 Stunden pro Woche mit Haus- und Familienarbeit beschäftigt, Männer etwa 17 Stunden (die beiden letzten Zahlen sind von 2000). Im Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen fehlt die Wirtschaftsleistung der Hausarbeit, währenddessen Ehrenamt und illegale Arbeiten berücksichtigt werden. In der Schweiz wird sogar von einem „Schatteneinkommen“ gesprochen, das die Hausarbeit erzeuge. Auch wenn damit sicherlich der Staat gemeint ist, der dieses Einkommen erzielt, hat der Begriff eine negative Konnotation; gerade so, als sei Hausarbeit Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung („Schattenkonten“).

Wieso hat gerade Haus- und Familienarbeit ein so geringes Ansehen? Eine mögliche Erklärung ist, dass diese Arbeiten als so grundlegend angesehen werden, dass man sie als selbstverständlich erachtet, als nichts, was gesondert gefördert oder entlohnt werden müsste. Das wiederum liegt daran, dass Haus- und Familienarbeit – nicht nur, weil sie nicht entlohnt wird – nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. So bleibt sie unsichtbar weil nicht mess- und vergleichbar. Ihr Produkt ist weitaus komplexer und eigentlich ja auch nie abgeschlossen, so dass es am Ende des Monats nicht möglich ist, einfach eine Zahl unter einen Strich zu schreiben.

Diese Unsichtbarkeit der Arbeit zieht eine fast automatische Abwertung der häuslichen und familiären Tätigkeiten nach sich, wie man in dem sehr schönen Neusprech-Begriff „Erziehungsurlaub“ sehen konnte: Einen solchen nahmen berufstätige Frauen und Männer früher, um kurz aus dem Job auszusteigen und sich um ihr Kind zu kümmern. In diesem Wort schwang jedoch stets Verachtung für die meist weiblichen Personen mit, welche den Erziehungsurlaub nutzten, gerade so, als ob das Erziehen eines Kleinkindes Urlaub sei. Auch eine kaum verhohlene Verachtung für als wirtschaftlich irrelevant angesehene soziale Tätigkeiten kann somit aus „Erziehungsurlaub“ herausgelesen werden. Wenn man die Sache weiterdenkt, zeigt sich zudem die Vorstellung, dass Arbeit nun mal etwas Anstrengendes ist, bei dem man sich nicht erholen oder Spaß haben kann – warum eigentlich? Intuitiv betrachten wir sogar solche Tätigkeiten nicht als automatisch Arbeit, die zwar bezahlt werden, aber sehr viel mehr Spaß machen als ein normaler Bürojob (zum Beispiel Konzerte von Rockbands, Profi-Sport, Schauspielerei, usw. …). Doch zurück zum Erziehungsurlaub: Seit 2001 – und seitdem immer mehr Männer dieses Angebot in Anspruch nehmen – ist man zum Begriff „Elternzeit“ oder „Erziehungszeit“ übergegangen, der sehr viel besser und neutraler das bezeichnet, was während dieser Phase passiert.

Ich Arbeiter, du Putze

Die Wurzel der Verachtung gegenüber der unbezahlten Arbeit liegt vielleicht schlicht im Sexismus der männerdominierten (Lohn-)Arbeitswelt, wo alles quantifiziert werden kann, wohingegen die „schwammigen“ sozialen Tätigkeiten tendenziell von Frauen besetzt werden. Das ist erstaunlich, denn obwohl niemand Dinge wie Kindererziehung oder Krankenpflege als trivial bezeichnen würde, gibt es für diese Bereiche, die ebenso nötig sind wie handwerkliche Berufe, nicht genügend Anerkennung. Eine Ausnahme in den sozialen Arbeitsfeldern war lange Zeit der durch Männer geprägte Lehrer-Beruf, dessen Ansehen eine deutliche Abwertung erfahren hat, seitdem er immer stärker von Frauen dominiert wird. Dabei muss man auch im Auge behalten, dass selbst bezahlte Arbeit – insbesondere in prekären Arbeitsverhältnissen – in ihrem Ansehen sinkt: Arbeit wird immer mehr zu dem, „was halt getan werden muss“. Und tut man es, hat man zwar etwas geleistet, aber dies wird weder anerkannt noch gelobt, es wird hingenommen als Selbstverständlichkeit. Die Bezahlung ist Lob genug, und eigentlich ist die schon zu viel, denn man könnte ja auch jemanden einstellen, der für weniger arbeitet. Der Arbeiter wird, auch wenn er seinen Job macht, immer mehr als Kostenpunkt denn als Produktivkraft angesehen.

Noch ein kleiner Exkurs zur Geschlechterpolitik der Arbeit: Sogar innerhalb der Hausarbeit gibt es Sexismus was die Verteilung der Aufgaben betrifft. Dinge wie Putzen, Kochen, Waschen, Bügeln oder Nähen werden als klassisch weibliche Tätigkeitsbereiche angesehen, während Männer sich vor allem um Reparaturen, Malern, Tapezieren, Rasenmähen und umfangreichere Getränkeeinkäufe kümmern. Das wird auch an Kinder weitergetragen, indem Mädchen sich mehr um Arbeiten im Haus kümmern sollen, Jungen mehr um Arbeiten im Freien. Wie heißt es noch bei Schillers „Lied von der Glocke“:

„Der Mann muss hinaus
Ins feindliche Leben,
Muss wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muss wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn‘ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn“

Klingt ebenso unmodern wie aktuell. Dabei kann ich die sexistische Verteilung der Haushaltsaufgaben nicht wirklich verstehen: Hat das vielleicht etwas mit der „typisch“ männlichen Vorliebe für Technik zu tun, oder mit der größeren Gefahr, sich zu verletzen? Eigentlich nicht, schließlich hat auch die Hausfrau ständig mit Technik zu tun (Waschmaschine, Küchengeräte, Nähmaschine) und verletzen kann man sich mit Bügeleisen, Herdplatte und Nähnadeln genauso wie mit Hammer und Bohrmaschine.

„Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“

Historisch begann die Heiligung der Lohnarbeit vermutlich mit der protestantischen Arbeitsmoral und kommt mit der Aufklärung und der Verbreitung des bürgerlichen Idealismus richtig in Fahrt. Der schottische Aufklärer Adam Smith unterschied etwa in produktive und unproduktive Arbeit: Der Unterschied bestand darin, das erstere ein verkäufliches Produkt hervorbringt, zweitere (worunter auch Hausarbeit gezählt wurde) hingegen nicht. Besonders deutsche Philosophen haben sich viel mit der Arbeit beschäftigt: Sowohl Kant als auch Johann Gottfried Herder, Hegel und Johann Gottlieb Fichte betrachteten die Arbeit als „sittliche Pflicht“. Marx und Engels übernahmen diesen bürgerlichen Arbeitsbegriff, da auch sie Arbeit als wesentlichen Ausdruck des Menschseins erachteten. Das ging so weit, dass Engels in seiner berühmten Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (1896) die These aufstellte, dass erst der dialektische Prozess des Arbeitens – durch den man sich in seinem Arbeitsprodukt reflektiert und dadurch Selbstbewusstsein entwickelt – der entscheidende Schritt vom Tier zum Menschen gewesen sei. Die Konsequenz: Wer nicht arbeitet, handelt wider die Natur.

Auch Nietzsche beobachtete, wie der gesellschaftliche und psychologische Wert der Lohnarbeit im Deutschland des 19. Jahrhunderts wuchs (auch wenn er dies durch den Einfluss der amerikanischen Arbeitsmoral erklärte):

„Oh über diese zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „Bedürfniss der Erholung“ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ − so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“ („Die Fröhliche Wissenschaft“ (1987), Reclam, S. 217)

Etwas später stellte Ernst Jünger in „Der Arbeiter“ Arbeit als Ausdruck eines „besonderen Seins“ dar, wobei er allerdings darauf hinwies, dass Arbeit und Ruhe keine Gegensätze seien; vielmehr ist jeder Zustand als Arbeit zu begreifen.

Arbeitslosigkeit ist eine Fiktion

Diese Ansicht hat sich leider nicht wirklich durchgesetzt, nach wie vor wird Arbeit erst dann als solche ernst genommen, wenn sie bezahlt wird. Jemand, der mit seinem Beruf Geld verdient, ist immer noch angesehener als jemand, der der gleichen Tätigkeit ehrenamtlich nachgeht. Man nimmt den Bezahlten in seiner Arbeit ernster, während man das Ehrenamt eher wie ein Hobby oder eine Liebhaberei betrachtet, die den ganzen Menschen nicht ausfüllen kann, die nur nebenbei gemacht wird. Man kann noch so sehr beteuern, wie hoch man Ehrenamtler schätzt, es gibt in einer Arbeitsgesellschaft wie der deutschen immer eine unbewusste Verachtung für denjenigen, der seine Arbeitskraft und -zeit einfach verschenkt, ohne dafür bezahlt zu werden. Wofür niemand bereit ist, einen Lohn zu zahlen, kann letztlich nichts wert sein. Das Ansehen einer Tätigkeit wächst mit deren Bezahlung, und im Allgemeinen herrscht die Vorstellung, dass eine schlecht bezahlte Arbeit auch eine qualitativ schlechte oder minderwertige sein muss.

Besonders unsere pessimistische Vorstellung von Erwerbslosigkeit, die meist mit Arbeitslosigkeit gleichgesetzt wird, müsste überdacht werden. Denn wer keinen Arbeitsplatz hat, ist ja bei weitem nicht arbeitslos. Uns hat sich das Bild eingegraben, dass Erwerbslose faul, müßig und unerfüllt zu Hause sitzen, in einem leeren, schalen Dasein ohne Zug. Dass der Angestellte genauso in seinem Büro sitzen und ständig zur Uhr schauen kann, kommt uns nicht in den Sinn. Würden wir diese Dichotomie aus erfüllter Lohnarbeit und leerer Erwerbslosigkeit aufbrechen und stattdessen unsere Zeit ohne Lohnarbeit bewusst als Lebensarbeit gestalten, würde auch das Gespenst der Arbeitslosigkeit verschwinden. Am hilfreichsten dafür wäre natürlich eine finanzielle Anerkennung der Lebensarbeit, beispielsweise durch Konzepte wie das Bedingungslose Grundeinkommen.

Arbeitslosigkeit ist Neusprech, das ganz stark mit dem Wortpaar Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbunden ist, denn hier herrscht eine ähnliche Verdrehung: Eigentlich ist der Arbeitgeber der Angestellte, denn er gibt seine Arbeitskraft und -zeit ja dem Unternehmen, das diese Arbeit nimmt und daraus einen Mehrwert generiert. Auch der Erwerbslose ist also korrekterweise ein Arbeitgeber: Er kann immer noch arbeiten, er kann seiner Arbeit gar nicht beraubt werden, nur weil er keine Stelle als Lohnarbeiter hat. Genauso fühlt es sich aber an, wenn man sich selbst als Arbeitnehmer, jemand, der Arbeit nimmt, definiert. Die Arbeit wird von einer naturgegebenen Kraft zu einem untertänig entgegengenommenen Geschenk, das man sich erst durch Fleiß dauerhaft verdienen muss.

Die Sorge, dass uns die Arbeit ausgeht, ist daher natürlich absurd – Sorge muss man nur haben, dass uns die Bezahlung für diese Arbeit ausgeht.

Zum Weiterlesen: „Automatisierungsdividende für alle – Roboter müssen unsere Rente sichern“ von Frank Rieger in der FAZ

20 thoughts on “Arbeitslosigkeit gibt es nicht

  1. Da ich inzwischen Hausfrau und Mutter bin, kann ich deinen Gedanken insbesondere zur falschen Wahrnehmung unbezahlter Arbeit aus Erfahrung beipflichten.

    Ich habe interessanterweise nie von anderen Ablehnung erfahren, nein ich habe lange mit MIR SELBST gehadert, bis ich endlich in der Lage war, anzuerkennen, dass ich vollwertige Arbeit leiste. Irgendwie schien ich unbedingt einen bezahlten Job haben zu muessen, haemmerte es in meinem Kopf, ich wuerde nichts „leisten“. Dabei arbeite ich mehr als je zuvor in meinem Leben, mit zwei Wickelkindern, Haustieren, Haus falle ich abends wie tot ins Bett.

    Inzwischen kann ich mir diese Arbeit selbst als wertvoll anerkennen und schaetze sie, das habe ich auch meinem oberflaechlichen (Wikipedia-) Wissen ueber asiatische Philosophie zu verdanken: Im Buddhismus, vor allem Zen-Buddhismus, sieht man an so ziemlich jeder Taetigkeit auch ihre meditative Seite. Arbeit, Tee-Zeremonie, Gartenarbeit, Bonsai und Ikebana, Schriftmalerei, Kampfkunst von Karate bis Tai Chi, alles ist wertvoll fuer das Seelenheil und wird ruhig und meditativ mit voller Aufmerksamkeit begangen.

    Seit einiger Zeit nun versuche ich Dinge nicht mehr „hinter mich zu bringen“, sondern bemuehe mich, im hier und jetzt zu bleiben. Selbst der Abwasch ist nicht „nur“ Arbeit sondern auch eine Art Meditation und bringt mir tatsaechlich innere Ruhe, wenn ich ihn nicht als Last betrachte. Eine Freundin spricht deshalb vom Put-Zen. ;-)

    Alle Arbeit tut gut, wenn ich ihren Wert sehe. Ich stoehne zwar manchmal unter der Hausarbeit, weil ich lieber anderes tun wuerde, aber es ist Wartungsarbeit an meinem Zuhause und erinnert mich daran, mich um alles zu kuemmern und nichts als Selbstverstaendlich hinzunehmen. Jedes Ding hat seinen Wert, seine Zeit, jede Arbeit.

    Hui, bin ganz schoen abgeschweift, aber das kam mir gerade dazu in den Sinn.

    • „Put-Zen“ ^^ cool, so hab ich das noch nie gesehen, aber es stimmt, mir kommen beim Abwasch manchmal ganz schöne Ideen, weil man da mal gezwungen ist, über nichts nachzudenken. Aber seitdem ich beim Abwaschen Podcasts höre ist das auch vorbei ;)

      Aber auf jeden Fall eine schöne Sichtweise, dass es Nichtstun im Prinzip gar nicht gibt.

  2. Der Begriff „Arbeit“ ist ja schon am abglühen, während man heute zunehmend von „Job“ spricht… was für mich eher die Konnotationen von „zu erledigen“, „prekär“ und „ersetzbar“, „Nebensache“ hat. Wenn Sprache hier wirklich einen Trend abbildet, dann scheint „Arbeit“ für uns also weniger existentiell zu sein als noch für die Industriegesellschaft. Ich hoffe aber, dass nach dem Begriff „Arbeit“ auch der Begriff „Job“ untergehen wird, dass also jede Tätigkeit irgendwann zu soetwas wie einem Hobby wird, etwas, über das man nicht nachdenken muss, sondern einfach von sich aus und gerne macht… und für das keine gestelzten neuen Begriffe erfinden muss, um sich zu rechtfertigen. (Ich persönlich glaube ja, dass solch ein Leben für alle, die in ihren Wünschen schon „Postmaterialisten“ sind, längst offen steht.)

    Die zweite Frage, wie man „einfache“ Tätigkeiten aufwertet, habe ich mir auch neulich gestellt. Viellicht habt ihr beide soetwas wie den östlichen und den westlichen Weg beschrieben. Der östliche wäre, sich in die Sache voll und ganz hineinzuversenken, es mit Hingabe und ohne Hinter-Absicht tun, so dass es nach und nach zum Selbstzweck wird. Ich glaube Jonathan Meese schwebt mit seiner „Dikatur der Kunst“ soetwas vor: „Kunst bedeutet doch nur, dass ich atme, dass ich das, was ich tue, mit Hingabe tue. Ein Busfahrer, der seinen Bus supergeil fährt, ist doch ein totaler Künstler.“ Der uns näher liegende Weg ist vielleicht, „Resonanzen“ herzustellen, wie ich’s mal nenne. Vernetzen und kombinieren. Musik hören beim Abwasch. Sich unterhalten und etwas trinken und in einem Café sitzen gleichzeitig, und dabei die Sonne genießen. Zu zweit macht das Musizieren auf Dauer mehr Spaß, und das Essen schmeckt ja auch besser. Die einfachen Tätigkeiten aufwerten, indem man sie, philosophisch gesprochen, eben miteinander in Resonanz setzt.

    • Stimmt, jetzt wo du’s sagst: „Job“ ist ein echt ekliger Begriff, es ist wirklich nur das was halt getan werden muss, sowohl aus Sicht des Arbeiters als auch der Firma.

      Ob man ohne neue „gestelzte Begriffe“ auskommt, weiß ich nicht, denn Sprache formt ja das Bewusstsein. Und eine Aufwertung der Lebensarbeit kann vielleicht dadaurch geschehen, dass man sich ihrer erst mal bewusst wird – wenn man keinen Namen dafür hat, bleibt sie unsichtbar.

  3. Nebenbei hatt ich beim Lesen des Essays das Gefühl, dass er gut geschrieben, durchdacht und recherchiert ist, und dass man ihn ohne Korrekturen doch so in irgendeiner Wochenzeitschrift als Leitartikel finden könnte.

  4. Ich bin der Meinung das, zu mindestens in den Wirtschaftswissenschaften, Adam Smiths ‚unproduktive Arbeit‘ anders aufgefasst wird. Bei den Urvätern der ökonomischen Lehre (A. Smith, D. Ricardo) dreht sich ja alles immer um den Wohlstand der Nation. Unproduktive Arbeit ist da häufig die Arbeit die benutzt wird um Luxusgüter herzustellen. Luxusgüter benötigen meistens viel Arbeit und sind meistens auch sehr langlebig, da sie nicht wirklich aktiv benutzt werden und somit auch nicht so schnell zerstört werden. Oftmals handelt es sich um Einzelstücken und auch Einzelarbeiten. Das eingesetzt Kapital zur Produktion beschäftigt also im Verhältnis weniger Arbeitskräfte als in arbeitsteiliger Massenproduktion. Noch wichtiger: das geschaffene Produkt durch unproduktive Arbeit kann nicht wirklich als Kapital für andere Produktionsprozesse benutzt werden.
    Die Klassischen Ökonomen haben also produktive Arbeit favorisiert, weil ihr Produkt das Kapital bildet für weitere Produktion und Arbeit kann nur geleistet werden, wenn die notwendigen Kapitalmittel zur Verfügung stehen. Mit mehr Kapital können mehr Menschen beschäftigt werden wodurch zu mindestens der Gesamtwohlstand erhöht wird.

    Natürlich wäre es schön wenn die Zeit die ich zu Hause verbringe und in meinem Sinne produktiv bin, Haushalt mache, mich weiterbilde, ein Buch schreibe, meinen Hobbies nach gehe, bezahlt werden würde. Aber Arbeit wird nur bezahlt von jemandem der daraus einen Nutzen hat und dementsprechend bereit ist dafür zu bezahlen. Beim Grundeinkommen bezahlt mich der Staat. Da ist wirklich die Frage ob und wie stark dadurch bei manchen Menschen die Nachfrage nach Lohnarbeit sinkt und diese Menschen dann keine Abgaben an den Staat geben können um die Grundrente überhaupt zu finanzieren.

    • Danke für die Präzisierung!

      „Aber Arbeit wird nur bezahlt von jemandem der daraus einen Nutzen hat und dementsprechend bereit ist dafür zu bezahlen“

      Genau das ist der Knackpunkt, denn der Staat hat ja de facto einen Nutzen aus all dieser unbezahlten Arbeit, nämlich den Zusammenhalt des sozialen Gefüges, keine Verelendung von Jugendlichen und ganzen sozialen Schichten, Elternhäuser, die ihre Kinder fördern, so dass sie in der Schule und ihrer Bildung Erfolg haben, usw. Sie wird nur nicht bezahlt, weil sie so schwer zu quantifizieren ist.

      „Da ist wirklich die Frage ob und wie stark dadurch bei manchen Menschen die Nachfrage nach Lohnarbeit sinkt“

      Das ist in der Tat die große Frage, auf die ich leider auch keine Antwort habe. Aber wie immer bei neuen Ideen müsste es daher Feldversuche in verschiedenen Regionen geben; der Wikipedia-Artikel zum Bedingungslosen Grundeinkommen nennt da auch einige erfolgreiche Beispiele (http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen#Umsetzungsversuche), aber es gibt bislang einfach zu wenige, um darüber wirklich eine fundierte Aussage zu treffen. Angesichts der Arbeitsmoral der Deutschen könnte ich mir da durchaus Erfolge vorstellen.

      • Ja es gibt sicherlich einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen an dem der Staat ein Interesse haben könnte und sollte. Ich fände es aber auf jeden Fall den besseren Weg Geld in bestimmte Institutionen zu investieren die diese gesamtgesellschaftlichen Interessen unterstützen, als den Menschen ihre Freizeitarbeit zu bezahlen. In erster Linie habe ich selber einen Nutzen davon von dem was ich zu Hause in der Freizeit mache. Ich glaube nicht das Grundeinkommen in diese Richtung einen höheren Anreize schaffen.

        • „Freizeitarbeit“ – geiles Wort :)

          „Ich fände es aber auf jeden Fall den besseren Weg Geld in bestimmte Institutionen zu investieren die diese gesamtgesellschaftlichen Interessen unterstützen“

          Das wäre auf jeden Fall schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, aber bereits daran mangelts ja bislang. Natürlich ist ein Konzept wie das Grundeinkommen etwas utopisch, aber wie heißt es so schön: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ (Hermann Hesse)

  5. Ich habe eine einfache Definition für Arbeit vorzuschlagen:

    „Arbeit sind alle Tätigkeiten, die man nicht als Selbstzweck erledigen muss.“

    Damit lassen sich meiner Meinung nach recht viele alltägliche Dinge gut in Arbeit / nicht Arbeit klassifizieren. Ob der Umkehrschluss auch allgemeingültig ist wage ich zu bezweifeln, aber in diese eine Richtung funktioniert diese Definition prima:

    Beispiel:
    Ich gehe ins Theater. Im Theater sitzen ist keine Arbeit, da ich das mache um dort zu sein. Im Gegensatz dazu, die Autofahrt zum Theater hin _ist_ Arbeit, denn Autofahren mache ich nicht zum Selbstzweck.

    Der Unterschied bei dieser Definition zu (vermutlich) vielen anderen ist, das die Unterscheidung von Person zu Person unterschiedlich ist und jeweils individuell gefällt werden muss. So mögen manche Menschen gerne zum Selbstzweck Autofahren, währen vielleicht andere nur ins Theater als Zuschauer „arbeiten“ gehen, weil es einem anderen Zweck dienlich ist.

    Aufpassen muss man noch bei der Definition mit dem Wort „muss“, denn man muss ja Arbeiten um Geld zu verdienen, man muss aber auch Autofahren um ins Theater zu gelangen. Allzuleicht wird hier ein muss als „quatsch“ abgetan nur weil ein dadurch erziehlter Zweck selber nicht als Teil der Arbeit angesehen wird. Wie du aber selber in deinem Artikel sehr schön beschreibst gehört zum Überleben in unserer Gesellschaft ja wesentlich mehr dazu als nur ein bisschen Geld.

    lg,

    jan

    PS: Nur derjenige, der seines Lebens froh und munter in Hausarbeit und ämterlichen Papierkriegen so richtig aufgeht hat eine Chance wirklich arbeitslos zu werden. Wehe ihm wenn einmal alles erledigt ist ;-)

    • “Arbeit sind alle Tätigkeiten, die man nicht als Selbstzweck erledigen muss.”

      Ja, die ist gar nicht schlecht, von wem ist diese Definition?

      Wird natürlich kompliziert, wenn jemand sein Hobby zum Beruf macht, weil dann arbeitet er ja quasi schon für sich selbst.

      Ich möchte auch noch mal darauf hinweisen, dass es nicht mein erstes Anliegen ist, dass diese ganze Arbeit gefälligst bezahlt wird, sondern dass überhaupt erst mal ein bewusstsein dafür entsteht, dass das, was wir so in unserer „Freizeit“ tun, nützliche Arbeit ist, und dass sie gewertschätzt und unterstützt wird. Aber in unserer kalten verkommenen Welt geht sowas ja immer am besten über Geld :)

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