Mehrsprech – „Major Consensus Narrative“

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Kurz-Definition: Der Major Consensus Narrative ist das, was die Mehrheit der Gesellschaft für die Wahrheit über Ereignisse, Personen oder Sachverhalte hält – nicht immer übereinstimmend mit dem, was wirklich passiert ist

Eskimos haben 100 Wörter für Schnee, Ärzte schwören auf den hippokratischen Eid, Hexenverfolgungen waren ein Phänomen des Mittelalters – drei Ansichten, die in der Mehrheit der Bevölkerung weit verbreitet sind. Dass sie nicht stimmen, ist nicht so wichtig, denn dafür sind es einfach zu gute Geschichten, die hervorragend in unser Weltbild passen. Alle drei Geschichten sind Beispiele für den „Major Consensus Narrative“ (MCN), also der Narrativ bzw. die Geschichten, über die in der Mehrheit einer Gesellschaft Konsens darüber herrscht, dass sie wahr sind.

Der Begriff Major Consensus Narrative prägte der Autor Bruce Sterling in seinem Buch „Zeitgeist“, hierzulande wurde das Wort vor allem von Frank Rieger und Ron vom Chaos Computer Club aufgegriffen und in diversen Vorträgen und Podcasts verwendet. Sie unterscheiden dabei im Sinne des Konstruktivismus „Das, was wirklich passiert ist“ und „Die Wahrheit“, was nicht dasselbe sein muss: Ersteres ist halt das, was wirklich passiert ist, und die Wahrheit das, was später darüber in den Geschichtsbüchern und Lexika steht oder in der Tagesschau darüber gesagt wird (Stichwort Deutungshoheit). Dies entspricht Nietzsches Wahrheitsbegriff, der die Vorstellung einer absoluten objektiven Wahrheit ablehnte, und stattdessen den menschlichen Willen als den eigentlichen Faktor ansah, der über Wahrheit oder Nicht-Wahrheit entscheidet. Ein ähnliches Konzept wie der MCN wurde bereits 1966 unter dem Namen „Sozialkonstruktivismus“ bekannt.

Willkommen in der „Wikipedia-Realität“

Der MCN ist das, was der „Wahrheit“ meist im Wesentlichen folgt, und kann daher auch als „Tagesschau-Realität“, „Wikipedia-Realität“ oder „gesunder Menschenverstand“ bezeichnet werden. Frank und Ron definieren MCN als „die (qantitativ) vorherrschende Geschichte einer Gemeinschaft, aufbauend auf und definiert durch den (nationalen) Kulturkreis und grundlegende Archetypen.“ (Quelle: Vortrag „Die Wahrheit… und was wirklich passiert ist“)

Bei den drei anfangs genannten Beispielen handelt es sich um populäre Irrtümer, die relativ schnell zu widerlegen sind, wenn man nachschaut, was die „Wahrheit“ ist. Schwieriger sieht es bei vielen aktuellen Geschichten aus, z.B. „Die Griechen sind an der Krise in ihrem Land selbst schuld“ – ein MCN, der die komplexen Hintergründe und die Mitschuld der EU für die Entstehung des Staatsbankrotts zum Teil völlig ignoriert. Es gibt auch MCNs, die seit einiger Zeit zu bröckeln beginnen, zum Beispiel: Große Banken sind „too big to fail“ bzw. zu „systemrelevant“, um sie pleite gehen zu lassen, Wirtschaftswissenschaften sind eine Naturwissenschaft, die großflächige NSA-Spionage ist nicht so schlimm, denn man selber hat ja nichts zu verbergen.

Der „Major Consensus Narrative“ hilft enorm, das Entstehen und die Funktionsweise von „Wahrheit“ zu verstehen und zu hinterfragen. Der Begriff zeigt uns, dass das, wovon wir einfach annehmen, dass es die Wahrheit sei, vielleicht nur das ist, was die Mehrheit der Menschen aus Bequemlichkeit glaubt.

3 thoughts on “Mehrsprech – „Major Consensus Narrative“

  1. Pingback: Feynsinn » Was ist ein Narrativ?

  2. Sehr schön…

    …endlich mal jemand der sich sinnvoll analytisch mit den Wirkungen von Kommunikation auseinandersetzt. Ich dachte manchmal schon ganz allein zu sein, also als einziger verrückt zu einem anderen Blickwinkel sein zu können, sozusagen.

    Dabei sehe ich immer wieder wie geschickt die Meinungen großer Gruppen mitbestimmt bzw. maßgeblich beeinflußt werden.

    „So, und das mach jetzt mal als einziger den Menschen um dich herum erkennbar, damit sie, und damit wir alle (auch die mit zuviel Macht), zu einem sinnvoll selbstbestimmten Leben gelangen können.“

    -damit Krieg kein Mittel der Politik ist, sondern nur der Vermehrung von Macht dient
    -damit der Russe nicht mehr vor der Tür steht, wärend der Ami längst drin ist
    -damit nichts mehr alternativlos ist, und zumindest erörtert werden darf

    Unser Denken/Reden/Handeln … was davon ist noch selbst reflektiert, und an was eigentlich ..?..

    Leben wir nicht längst in einer Rückkopplung aus Vorgelebtem, aus Meinungsmache, und unreflektiert Mitgemachtem, mit einem Sinn der NICHT IN diesem System liegt (wenn es überhaupt einen Sinn gibt) ..?..

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