
Welche gruseligen Buch-Illustrationen mich als Kind in ihren Bann gezogen haben, warum vergilbte Paperbacks bis heute eine comfort zone für mich sind, in welcher Hinsicht Illustrationen klassischer Kunst überlegen sind, und weshalb ich die Geschichten hinter den Bildern bewusst ignoriere.
Ich liebe Fantasy-, Science Fiction- und Horror-Illustrationen: Sobald Märchentürme, Raumschiffe, Drachenhorte, Zauberwälder, Geisterschlösser, fremde Planeten, flackernde Verliese und futuristische Städte aus den Buchseiten emporzuwachsen beginnen, bin ich gefesselt.
Diese Leidenschaft begleitet mich seit meiner Kindheit. Sie hat ihren Ursprung in meinem bis heute bestehenden Bedürfnis, mich in fremde Welten zu flüchten, wenn mir die Realität zu grau, zu kalt und zu entzaubert vorkommt – was ziemlich oft der Fall ist.
Buchcover statt Museen
Aus genau den gleichen Gründen schätze ich natürlich auch klassische Malerei, die sich mit phantastischen Themen beschäftigt (zum Beispiel Hieronymus Bosch, John William Waterhouse oder Franz von Stuck). Fantasy, Science Fiction und Horror sind jedoch mit wenigen Ausnahmen kein Gegenstand der „ernsthaften“ Kunst, sondern dem Feld der Illustration vorbehalten, also der profanen Bebilderung von Büchern und Magazinen der jeweiligen Genres.

Dies macht Illustrationen niedrigschwelliger als klassische Kunst: Man sieht sie nicht in Museen, wo sie hinter Samtkordeln an der Wand hängen, sondern in Büchern, die man in der Hand hält. Dadurch haben Illustrationen eine Intimität und Zugänglichkeit, die Malerei in ihrem traditionellen Rahmen nicht besitzt. Gerade Kinder und Jugendliche, die eine der größten Zielgruppen für Illustrationen sind, kommen darüber oft das erste Mal mit Kunst in Berührung.

So war es jedenfalls bei mir: Meine Faszination für phantastische Illustrationen begann mit drei Büchern mit unheimlichen Geschichten, die im Bücherregal meiner Eltern standen: „Der geheimnisvolle Reisende“ (1981), eine Sammlung von Kriminalgeschichten, „Die Abenteuer eines gewissen Hans Pfaal“ (1977), eine Sammlung von Edgar Allan Poe-Erzählungen, und „Die Nebeldroschke“ (1986), eine Sammlung deutschsprachiger Geistergeschichten. Ich besitze sie alle bis heute.
Es begann mit Horror
Es ist auffällig, dass alle drei Bücher mehr oder weniger dem Horror-Genre angehören, zumindest was die Illustrationen angeht. Horror sollte sich zu einer lebenslangen Leidenschaft für mich entwickeln, nicht nur in Bezug auf Illustrationen und Malerei, sondern auch auf Filme, Literatur, Computerspiele und Orte (Friedhöfe, Lost Places, etc.)

Insbesondere die Illustrationen von Uwe Häntsch in „Der geheimnisvolle Reisende“ haben mich als Kind sehr beeindruckt: Es waren albtraumartige Bilder einer Welt im Verfall, in der nie die Sonne zu scheinen schien und unheimliche Figuren durch die Gassen heruntergekommener Städte schlichen, wo an jeder Ecke der Putz bröckelte und aus den Verankerungen gerissene Metallzäune windschief aus dem Boden ragten – eine Art Film Noir-Welt aus dem 19. Jahrhundert.

Ich habe diese Bilder geliebt, obwohl sie mir als Kind eigentlich hätten Angst machen müssen. Das lag daran, dass sie nicht über die explizite Ausstellung von Gewalt und Schrecken funktionierten, sondern fast ausschließlich über die Atmosphäre der Orte und der Figuren, deren Bedeutung und Identität im Dunkeln blieben.
Türen in andere Welten
Zwei weitere Bücher, die für mich sehr wichtig waren, fand ich damals in der Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Hohenschönhausen, die ich als Kind und Jugendlicher sehr oft besucht habe: „Von Elfen, Goblins, Spukgestalten – ein Handbuch der anderen Welt“ (1998) von Brian Froud und Alan Lee, und „Science Fiction – die illustrierte Enzyklopädie“ (1996) von John Clute.

Alan Lee ist vor allem für seine Tolkien-Illustrationen bekannt, er war auch einer der Konzept-Künstler für die Herr der Ringe-Verfilmung von Peter Jackson. Brian Froud wiederum kennt man vor allem als Konzept-Künstler des Fantasy-Kultfilms „Der dunkle Kristall“.
In „Von Elfen, Goblins, Spukgestalten“ illustrieren sie die keltisch-britische Sagenwelt mit einer so überbordenden Phantasie, dass ich jedes Mal, wenn ich das Buch aufschlug, wirklich das Gefühl hatte, eine Reise in diese „andere Welt“ zu unternehmen.
Der Realismus des Phantastischen
Was mich an den Bildern besonders faszinierte, war nicht nur ihr düsterer Ton, sondern auch ihr „Realismus“ – das waren keine naiv-kitschigen Märchenillustrationen für Kinder, sondern Bilder mit Gravitas und Tiefe. Hier waren zwei Künstler am Werk, die ihr Thema wirklich ernst nahmen und Pixies, Trolle, Nymphen, Pukas und Hexen so darstellten, als würden sie tatsächlich existieren.

Für mich war das eine Offenbarung: Ich hatte noch nie zuvor gesehen, dass phantastischen Welten eine solche Realität verliehen wurde. Ich war regelrecht besessen von dem Buch und eine Zeitlang wollte ich wirklich daran glauben, dass es die darin geschilderten Wesen tatsächlich gab.
Crashkurs in Retrofuturismus
Das andere Buch war wie gesagt „Science Fiction – die illustrierte Enzyklopädie“. Der Titel sagt es schon: Das Buch enthält mehr als tausend Abbildungen und erzählt mit verschwenderischer Pracht die Geschichte des Genres von den Anfängen bis in die 1990er.

Visuell beginnt die Reise mit alten Kupferstichen für „Frankenstein“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“, doch so richtig spannend wird es erst mit den nostalgisch-retrofuturistischen Pulp-Covern der 1930er und 1940er Jahre, der traumartigen „Mood Science Fiction“ der 60er Jahre und den herrlich cheesigen Airbrush-Illustrationen der 80er und 90er Jahre (mehr zu diesem Thema habe in einem älteren Text über Science Fiction-Illustrationen geschrieben).

Sense of wonder
Egal ob es um Aliens, Roboter, Raumschiffe oder Supercomputer ging – unzähligen ikonischen Science Fiction-Bildern bin ich hier das erste Mal begegnet. John Clutes pointierte Texte taten ihr Übriges, mich für das Genre zu begeistern. Clute brachte mir auch einen neuen Begriff bei: „Sense of wonder“. Er beschreibt ein Gefühl des Staunens und der Faszination, das sich einstellt, wenn man mit etwas Unerklärlichem und Mysteriösem konfrontiert wird – wer schon einmal alleine unter einem riesigen Sternenhimmel gestanden hat, kennt dieses Gefühl.

Für mich ist sense of wonder ein zentraler Begriff, denn er beschreibt ziemlich exakt, was für mich der Reiz an Science Fiction, Fantasy, Horror und Phantastik im Allgemeinen ist.
Rundgang durch Online-Galerien
Es gäbe natürlich noch etliche andere Bücher, Comics, Plattencover und Computerspiele zu erwähnen, die meine Liebe für Illustrationen weiter befeuert haben, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Was ich hingegen noch erwähnen muss, ist das Internet: Als ich irgendwann meinen ersten eigenen PC mit Internetzugang hatte, konnte ich endlich gezielt nach Künstler*innen und deren Werken suchen. Meine digitale Bilder-Sammlung wurde größer und größer.

Irgendwann kam in mir der Wunsch auf, diese Bilder mit anderen zu teilen und die Künstler*innen und ihr Werk öffentlich zu feiern: Ich wollte, dass alle sehen konnten, wie großartig sie sind. So startete ich 2012 meinen tumblr-Blog „Phantastische Illustrationen“, auf dem bis heute – mit kleinen Ausnahmen – jeden Tag ein Bild erscheint (keines doppelt, es gibt ja genug). Für mich ist der Blog eine Art Online-Galerie, in der ich jene Künstler*innen kuratiere, die wahrscheinlich so gut wie nie in einer „richtigen“ Galerie ausgestellt würden.

Ich bin natürlich nicht der Einzige, der das tut; der Blog „70s Sci-Fi Art“ ist vielleicht der bekannteste dieser Art. Eine andere Webseite, die für Fans von Science Fiction- und Fantasy-Buchcovern unverzichtbar ist, ist die „Internet Speculative Fiction Database“: Unzählige Nerds haben hier akribisch die Daten aller jemals erschienenen Science Fiction- und Fantasy-Bücher und -Magazine zusammengetragen, inklusive des Cover-Artworks und der dazugehörigen Künstler*innen.
Die comfort zone vergilbter Taschenbücher
Warum liebe ich diese alten Illustrationen so? Sie bieten mir einen zweifachen Eskapismus: Erstens natürlich, weil sie phantastische Welten zeigen und zweitens, weil sie aus einer Zeit stammen, die weit vor meiner Geburt liegt. Ich liebe nämlich nicht nur phantastische Dinge, ich liebe auch alte Dinge: Egal ob es um Bücher, Musik, Filme, Klamotten oder Gebäude geht – oder eben um Illustrationen.

Auch wenn die Illustrationen vieler alter Bücher manchmal von durchschnittlicher Qualität sind – ihr Retro-Charme kann das wieder wett machen. Gerade Science Fiction-Cover aus den 50er oder 60er Jahren bringen für mich etwas rüber, das weit über den oft banalen Inhalt der Bilder hinaus geht: Aus den Illustrationen spricht eine Naivität, in der noch eine echte Begeisterung für die Zukunft und für das Unbekannte steckt, die uns im 21. Jahrhundert – aus leider sehr guten Gründen – längst abhanden gekommen ist (dazu hatte ich vor einer Weile auch mal einen Text geschrieben).

Mood Science Fiction
Einer meiner Lieblingskünstler aus den 50er und 60er Jahren ist Richard M. Powers (er war auch der Künstler, mit dem ich damals meinen Blog gestartet habe): Powers nahm die klassischen Science Fiction-Motive der Pulp-Magazine (Raumschiffe, Aliens, Planeten, usw.), verpasste ihnen eine gehörige Portion Abstraktion und Surrealismus und schuf so eine flirrende Vision einer Welt von morgen, in der man die Zukunft mehr fühlte denn sah.

In Powers Illustrationen geht es nie um technischen Realismus – und das macht sie so stark. Es ist teilweise kaum zu beschreiben, was man auf den Bildern sieht: Einige bestehen fast ausschließlich aus geometrischen Formen und angedeuteten Landschaften, andere lösen sich auf rauschhafte Weise in Farben, Schlieren und Nebel auf – sense of wonder pur.
Eine männlich geprägte Branche
Ich habe vorhin von alten Illustrationen als comfort zone gesprochen, aber da früher eben doch nicht alles besser war, gibt es auch hier ein paar problematische Dinge anzusprechen: Der Bereich der Fantasy-, Science Fiction- und Horror-Illustration ist eine sehr männlich geprägte Branche.

Weibliche Künstlerinnen gibt es natürlich, aber sie sind eher die Ausnahme als die Regel (zumindest was die Zeit vor den 2000er Jahren betrifft) und nur selten erlangen sie die Bekanntheit ihrer männlichen Kollegen. Zu den bekanntesten gehören Julie Bell, Jeffrey Catherine Jones, Rowena Morrill, Linda Garland, Barbara Remington und Margaret Brundage. Alle genannten Künstlerinnen sind bzw. waren fast ausschließlich im Bereich Fantasy unterwegs, in der Science Fiction fällt mir ehrlich gesagt nur Mariella „Allison“ Anderlini ein.

Opfer oder Trophäe
Das schlägt sich natürlich im Inhalt der Bilder nieder: Insbesondere Pulp-Cover aus den 1940er und 1950er Jahren sind voll von damsels in distress in zerrissener Kleidung oder unnötig körperbetonten Raumanzügen, die von starken Helden vor bösen Robotern und übergriffigen Tentakel-Monstern gerettet werden müssen. Dies entsprach der Logik der Branche: Vor allem die frühen Pulp-Magazine richteten sich an ein männliches Teenager-Publikum und ein Großteil der Geschichten in diesen Magazinen stammten von männlichen Autoren.

In der Fantasy waren vor allem Frank Frazettas Cover für „Conan der Barbar“ aus den 60er Jahren prägend: Frazetta präsentiert in vielen seiner Bilder extrem objektifizierte Frauen, die fast ausschließlich als Opfer oder Trophäe dargestellt werden (und natürlich von kraftstrotzenden Alpha-Männern gerettet oder erobert werden müssen). Der voyeuristische Blick Frazettas sollte sich als stilbildend für unzählige Fantasy-Illustrator*innen nach ihm erweisen (etwa für Boris Vallejo oder Julie Bell).
Bikini-Rüstungen halten sich hartnäckig
Viele Verlage und Künstler*innen glauben, dass sie ihrem Publikum auf diese Weise ein „eye candy“ bieten, aber für mich und viele andere Menschen machen sexistische Darstellungen die Bilder schlicht und ergreifend schlechter. Frazettas Illustrationen sind ein gutes Beispiel dafür: Sie sind zwar technisch brillant und haben ein Gespür für große Gesten, aber die Art und Weise, wie Frauenkörper dort ausgestellt werden, löst regelmäßig Widerwillen in mir aus.

In den letzten 80 Jahren hat sich bei der Darstellung von Geschlechterrollen in Illustrationen natürlich einiges getan, aber gerade in der Fantasy sind manche Bilder bis heute in rückwärtsgewandten Männerphantasien gefangen (Stichwort Bikini-Rüstung). In der Science Fiction sieht es etwas besser aus, was vielleicht auch daran liegt, dass das Genre über eine größere Palette von Themen und Motiven verfügt als Fantasy. Dennoch sind sexistische Darstellungen auch hier noch immer nicht ganz verschwunden.
Die Entzauberung durch den Text
Ich möchte noch einmal auf die drei alten Horror-Bücher zurückkommen, mit denen meine Reise in die Welt der Illustration damals begonnen hat: Es ist bezeichnend, dass ich bis heute kaum eine der Geschichten aus diesen drei Büchern gelesen habe (außer die aus dem Poe-Band). Entscheidend an diesen Büchern waren für mich die Bilder. Mehr noch – die Geschichten aus den Büchern konnten mir den Genuss der Illustrationen sogar verderben.
Als ich als Jugendlicher probehalber ein paar der Geschichten aus „Der geheimnisvolle Reisende“ und „Die Nebeldroschke“ las, stellte ich fest, dass ich sie erstaunlich unspektakulär und altbacken fand – wo waren die geheimnisvollen Welten, die mir von den Illustrationen versprochen worden waren und die meine Phantasie so stark angeregt hatten?

Ähnlich ging es mir später mit einigen Science Fiction-Büchern: Das Beste an manchen dieser Romane sind oft die Cover, während die Texte billigste Abenteuer-Klischees auf sprachlich niedrigem Niveau abspulen.
Auftragsarbeiten als kreativer Freiraum
Dass gerade bei den Pulp-Paperbacks oft eine gewaltige Lücke zwischen Text und Bild klafft, ist nicht verwunderlich: In der Regel haben die Künstler*innen die Cover illustriert, ohne die Bücher jemals gelesen zu haben – das konnten sie auch gar nicht, denn bei den vielen Aufträgen blieb gar nicht die Zeit dafür. Meistens bekamen sie nur eine kurze Zusammenfassung oder ein paar Stichpunkte zum Inhalt – manchmal auch nur den Titel.

Aus dieser praktisch-kommerziellen Einschränkung erwuchs paradoxerweise eine künstlerische Freiheit, da viele Künstler*innen die inhaltlichen Leerstellen mit eigenen kreativen Ideen füllen konnten.
An kaum einem Künstler wird dies so sichtbar wie an Richard M. Powers. John Clute schrieb über ihn: „Er hat nie irgendetwas direkt illustriert. Seine Ballantine-Umschläge sind aus heutiger Sicht autonome Abfolgen von Bildern und erzählen den Traum der Science Fiction unvergesslich auf eigene Art.“ („Science Fiction – die illustrierte Enzyklopädie“, S. 241)

Den Text vom Bild trennen
Nachdem ich immer wieder die Erfahrung machen musste, dass die Konkretisierung durch die Texte zu einer Entzauberung meiner Imagination führte, begann ich Illustrationen lieber als ein autonomes Reich der Phantasie zu begreifen, das auch ohne Worte auskommt.
Die Geschichten hinter den Illustrationen zu ignorieren, erwies sich für mich als sehr reizvoll: Durch den Mangel an Kontext erwuchs aus den Bildern eine Kraft, die diffuser und tiefer ist, als wenn man sie als das betrachten würde, was sie eigentlich sind: Als Bebilderungen von Geschichten, also als eigentlich zweitrangige Werbeprodukte, die es ohne die Geschichten gar nicht gäbe.

Kurioserweise entwickeln diese Auftragsarbeiten jedoch ein Eigenleben, sobald man sie losgelöst von den Inhalten der Bücher betrachtet, ihren Ursprung als Umschlagbild vergisst und sie ohne jede Erklärung einem unvorbereiteten Publikum zeigt. In solchen Momenten öffnet sich der Raum für sense of wonder: Ich kann mich als Betrachter dem reinen Staunen hingeben, mir diese Bildwelten aneignen und herausfinden, was sie mit mir machen.
Warum mich Illustrationen bis heute begleiten
Genau das versuche ich mit meinem Blog zu vermitteln: Ich möchte, dass Illustrationen als Kunstwerke betrachtet werden, die genauso viel in einem auslösen können, wie „ernsthafte“ Kunst.

Bei mir haben sie das getan: Viele dieser Bilder begleiten mich bis heute, sie bevölkern meine Phantasie und immer wieder scheinen sie in mir auf, wenn meine Vorstellungskraft zu arbeiten beginnt. Sie illustrieren mein Staunen, meine Leidenschaften und meine Ängste.
S. Elizabeth bringt es in ihrem Buch „The Art of Fantasy“ auf den Punkt: „In experiencing through fantastical art the magic that is in the world around us and beyond, we can also connect with the magic deep in ourselves.“ („The Art of Fantasy“ 2023, S. 9)